Mein Friseur erzählte mir letztens, dass er mal eine junge Mitarbeiterin hatte, die behauptete, Manuel Neuer sei ihr Patenonkel.
Was sich als Lüge herausstellte. Wie er von Manuel Neuer persönlich erfuhr, als er sich bei einer zufälligen Begegnung ein Herz fasste und ihn darauf ansprach. Danach stellte sich heraus, dass sie praktisch immer gelogen hatte.
Ich frage mich, wann ich zuletzt gelogen habe. Also so richtig. Ich kann mich nicht erinnern. Ich glaube, je älter ich werde, desto ehrlicher werde ich.
Als Kind und Teenager habe ich gerne gelogen. Es gab mal einen Film mit Romy Schneider, „Die schöne Lügnerin“. So wollte ich auch sein. Lügen, bis sich die Balken biegen. Eine Lügenbaronin. Aber warum Lügen kurze Beine haben sollen, verstehe ich noch heute nicht.
Eine Lüge in meiner Kindheit hat meinen Wunsch verstärkt, Schauspielerin zu werden. Ich war elf Jahre alt. In meiner Geburtsstadt Brandenburg an der Havel wurde eine TV-Serie mit Anja Kling gedreht. Für ein Wochenende wurden Kinderkomparsen gebraucht, jeweils für einen Tag. Die Gage: 25 DM.
Meine Freundin Angela und ich zählten zu den Glücklichen. Ich erinnere mich noch heute an meine Faszination für das Filmset. Die so stark war, dass ich am nächsten Tag wieder zur Drehlocation am Beetzsee fuhr und behauptete, ich sei auch für diesen Tag gebucht. Zunächst wollten sie mich nach Hause schicken. Doch ich quatschte die skeptische Komparsenbetreuerin in Grund und Boden – und hatte meinen zweiten Drehtag. Von den 50 Mark kaufte ich mir meinen ersten Kassettenrekorder auf der Schloßstraße in Steglitz, die für mich bis heute die gleichen 90er-Vibes hat.
Mit zwölf Jahren hielt ich zwei Jahre lang die Lüge aufrecht, ich hätte Naturlocken. Jeden Abend drehte ich mir die langen glatten Haare auf die Plastikwickler meiner Mutter, gewöhnte mich an die nächtlichen Druckschmerzen und wachte morgens auf wie ein explodierter Vileda-Wischmop. Auf Klassenfahrten drehte ich mir nachts im Dunkeln oben auf dem Hochbett die angefeuchteten Haare ein und nahm die Wickler früh morgens unter der Bettdecke heraus. Bis es aufflog: Ein Mädchen wachte vor mir auf. Plötzlich standen alle um mein Bett herum. Seitdem habe ich keine wilde Lockenmähne mehr.
Ich habe auch jahrelang mit meiner Größe gelogen. Seit ich 16 war, behauptete ich, ich sei 1,70 Meter. Wenn es hoch kommt, bin ich 1,66. Zwischenzeitlich war ich sogar 1,73. Stand auch in meinem Perso. Als ich ihn erneuern lassen musste, legte ich Tempo-Packungen in meine Schuhe. Heute stehe ich zu meiner wahren Größe – ich werde kein Model mehr werden und meine Mama ist auch nicht Heidi Klum.
In meiner Branche wird ja auch fleißig mit dem Alter gelogen. Ich habe Kolleginnen, die sich fünf bis zehn Jahre jünger machen. Ich ärgere mich ein bisschen darüber, denn das kann ich nicht mehr machen. Ich war immer ehrlich mit meinem Alter – übrigens genauso wie Yvonne Catterfeld, Norah Jones, Stefanie Hertel und P!nk. Das lässt sich leider nicht mehr rückgängig machen.
Eine Lüge, für die ich mich schäme? Mit 15 kam ich oft zu spät nach Hause. Meine Eltern stellten mir ein Ultimatum: Beim nächsten Mal Stubenarrest. Natürlich wurde es wieder ein langer, schöner Tag nach der Schule, mit den Freundinnen und ersten Flirts. Ich verpasste die Bahn. Ich musste mir also eine furchtbare, dramatische Ausrede überlegen, die alles erklären würde. Also erzählte ich meinen Eltern, wir hätten gesehen, wie ein Hund angefahren wurde, hätten einen Tiernotarzt gerufen und auf ihn gewartet. Ich steigerte mich so in diese Lüge hinein, dass ich selbst daran glaubte und über den angefahrenen Hund weinen musste. Ich weinte so bitterlich, dass mich meine Mama in den Arm nahm. Und darüber weinte ich noch mehr.
Eines der größten empirischen Forschungsprojekte zum Thema Lügen war eine Metaanalyse des Max-Planck-Instituts mit über 500 Studien und 44.000 Teilnehmenden.1 Ergebnis: Die meisten Menschen sind weder komplett ehrlich noch komplett unehrlich. Viele nutzen „partielle Unehrlichkeit“ – sie lügen ein bisschen, aber nicht maximal. Wenn Probanden Geld durch Lügen gewinnen konnten, wählten viele nicht den maximalen Gewinn, sondern eine kleine Übertreibung. Man lügt soviel, dass es nützt, aber nicht so viel, dass man sich selbst als „Lügner“ sehen muss. Wir balancieren beim Lügen zwischen Vorteil, Moral und Selbstbild. Oder anders gesagt: Wir wollen profitieren – und uns trotzdem für ehrliche Menschen halten.
Viele Menschen lügen nur “ein bisschen“. Sie runden auf oder übertreiben leicht. Die Forschung spricht von „justified dishonesty“.2
Man kann auch Flunkern sagen. Ich habe neulich ein bisschen abgerundet, als meine Agentin eine Maßtabelle verschickte. Bei Kopfumfang, Kragen, Füßen und Händen muss man ja wirklich nicht schwindeln. Aber beim Gewicht habe ich 2 Kilo weniger eingetragen. Die ich theoretisch erreichen kann, wenn ich weniger Gummibärchen esse. Beim Messen der Taille zog ich das Band so eng wie Marie Antoinette. Die Zahl war dann – rein technisch – korrekt. Ich musste nicht lügen.
Ein weiteres Forschungsergebnis: Die Lügenverteilung ist ungleich. Wenige Menschen lügen sehr häufig, die Mehrheit lügt wenig. Männer etwas mehr als Frauen, Jüngere häufiger als Ältere. Mit jedem Lebensjahr sinkt die Wahrscheinlichkeit zu lügen ein kleines bisschen.
Ich habe ja eingangs erwähnt, dass ich immer ehrlicher werde.
Und wenn es nicht gerade um Körpermaße, Gummibärchenkonsum oder Friseurkosten geht, werde ich mich auch weiter darum bemühen.
Einige Lügen sind in die Geschichte eingegangen.
„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“.
„I did not have sexual relations with that woman“.
Und heute besonders verbreitet: „Daran kann ich mich nicht erinnern.“
Beliebte Alltagslügen:
„Ich bin gleich da.“
„Ich hab die Mail nicht gesehen.“
„Danke, gut.“
„War ein schöner Abend.“
„Ich hab deinen Anruf gar nicht gehört!“
„Mir macht das nichts aus.“
„Ist mir egal, wo wir essen.“
Aber zu behaupten, Manuel Neuer sei der eigene Patenonkel – das finde ich originell. Darauf muss man erst mal kommen!
Mit Spannung habe ich die ganze Geschichte gelesen und bin bei mir selber auch auf allerhand flunkern gekommen.
Dass ich auch mit dem Älterwerden immer weniger bis gar nicht mehr flunker liegt an meiner zunehmenden Bequemlichkeit. Es ist mir zu anstrengend.
Liebe Grüße von Eduard 🙏❤️
Wirklich originell, das mit dem Onkel Neuer. Welchen Mehrwert sie sich wohl davon erhofft hat, speziell einen Fußballer auszuwählen. Vielleicht war Neuer zu der Zeit gerade besonders populär, zudem in München ansässig, also nicht so leicht in Berlin anzutreffen, dachte sie sich wohl.
Ich überlege gerade, was eine echte, richtig dicke Lüge in meiner Biographie war. Mir fallen exakt zwei Sachen ein, die eine befremdet mich selbst heute noch. Die mir nachvollziehbare finde ich allerdings auch nicht so furchtbar verwerflich. Die eine Lüge kam daher, dass ich 1986 keinen Job hatte und eine Wohnung suchte, meine WG-Bewerbungen waren gescheitert, ich passte bei den Bewerbungsgesprächen nicht ins gewünschte Schema.
Dann suchte ich nach einer 1-Zimmer-Wohnung. Ich wollte gerne nach Schöneberg, denn da war auch meine Lieblingsbar, die „Domina-Bar“ in der Winterfeldstraße (der frivole Name war nur eine Provokation, kein Hinweis auf ein Geschäftsmodell). In der Bar trafen sich bis weit nach Morgendämmerung alle Paradiesvögel von Westberlin, auch Horizontalgewerbe von der Potsdamer Straße, Sozialhilfempfänger, Hausbesetzer, Musiker, Punks, Taxifahrer, Schauspieler, Studenten, Gastronomen, die endlich auch mal Feierabend hatten.
Einer davon war Arno vom Restaurant Florian in der Grolmannstraße (das es leider nicht mehr gibt). Er war dort in einer Art leitenden Funktion, engster Mitarbeiter der Inhaberin Gerti. Ich wusste damals nur, dass das Florian DER Treffpunkt für Filmschaffende war, jede Menge Promis, ich hatte mich selbst noch gar nicht hineingetraut. Arno und ich freundeten uns dick an, wir liebten und, hatten denselben Humor und lachten viel. Ich erzählte ihm von meiner bislang vergeblichen Wohnungssuche, die vor allem daran scheiterte, dass ich keine Verdienstbescheinigung vorweisen konnte. Da hatte Arno die Idee, dass er mir eine ausstellt, in der steht, dass ich im Florian als „Kaltmamsell“ arbeite. Ich war happy, am liebsten hätte ich den Job wirklich gemacht (war aber kein Bedarf und ich auch nicht gastronomisch qualifiziert). Ich bekam dann auch meine erste Wohnung in Berlin, in Schöneberg, in der Leberstraße 54, schräg gegenüber von dem Haus wo Hildegard Knef ihre Kindheit verbracht hat.
Die zweite Lüge hing dann mit der Wohnung zusammen. 1992, ich wohnte mittlerweile sechs Jahre in der Erdgeschoss-Hinterhofwohnung in Schöneberg, als sich eine Affäre mit einem 23 Jahre älteren Mann anbahnte. Er war Übersetzer und Dolmetscher und wohnte mit seiner Frau und zwei Kindern in einer superschicken Dachgeschosswohnung gegenüber vom Schloss Charlottenburg. Er dolmetschte regelmäßig bei der Berlinale und zählte einige namhafte Spanier und Südamerikaner zu seinem Freundeskreis, er selbst stammte aus Kolumbien. Als seine Frau mit den Kindern anlässlich der großen Sommerferien länger verreist war, lud er mich in seine Wohnung ein, das war direkt zu Beginn der Affäre. Angeblich lebte er in Scheidung von seiner Frau, ob das stimmte, weiß ich bis heute nicht, ich hatte kein Interesse mich in eine bestehende Beziehung einzumogeln.
Jedenfalls erforderte die erotische Anziehung zwischen uns, dass wir uns zurückziehen konnten. Nun war aber meine Wohnung inzwischen in einem teilweise bedauerlichen Zustand. Zwar alles hübsch dekoriert und aufgeräumt, aber seit geraumer Zeit waren die Bodendielen so morsch, dass man durch die Schlitze teilweise fast in den Keller gucken konnte, ein bisschen gruselig. Eine Erneuerung stand an, aber so weit war es noch nicht. Mir war der baufällige Zustand des Bodens so unangenehm, ja peinlich, dass ich ihn nicht in meine Wohnung einladen wollte. Da kam ich auf die Idee – und damit wollte ich mich auch zusätzlich interessanter machen – zu behaupten, ich würde mit „meinem Freund“ zusammen wohnen, deshalb ginge es nicht, dass wir zu mir gehen. Er hat das geschluckt, warum auch nicht. Es gab keinen Freund. Aber ich fühlte mich so ein bisschen auf Augenhöhe mit seiner familiären Wohnkonstellation. Wir gingen dann auch mal in ein Hotel in Berlin. Im Herbst des Jahres hatte dann die Hausverwaltung endlich die Renovierung beschlossen, die Bauaufsicht war bereits mehrere Male da gewesen, es musste gemacht werden. Zufällig wurde zeitgleich die genauso geschnittene Wohnung eine Etage höher frei und ich zog dort ein. Heller und kein morscher Boden mit Gefahr in den Keller einzubrechen.
Ich verkaufte das meiner mittlerweile Langzeitaffäre als „ich habe mich von meinem Freund getrennt und ziehe aus“. Dass ich nur eine Treppe höher zog, erzählte ich ihm nicht. Nun konnte ich ihn auch in meine kleine Wohnung einladen und wir gingen nicht mehr ins Hotel. Die Lüge war damit beendet.