Vorhin stand jemand neben mir an der Tram-Haltestelle, der mir bekannt vorkam, den ich aber nicht „einordnen“ konnte. Hatten wir mal zusammen gedreht? Oder kannten wir uns von der Uni? Hatten wir mal zusammen einen Workshop? Oder was miteinander gehabt?
Er war im Gespräch mit einem anderen Typen, schaute aber dabei immer wieder zu mir herüber. In der Straßenbahn fiel es mir ein: Wir sind miteinander befreundet. Auf Facebook.
Die beiden stiegen an der gleichen Station aus wie ich und wir gingen in verschiedene Richtungen. Auf Facebook haben wir schon Beiträge voneinander geliked – er ist auch Schauspieler, wir hatten aber im echten Leben noch nie miteinander zu tun. Er hat mir schon online zum Geburtstag gratuliert und ich wenige Tage später ihm. Nun haben wir uns also wie zwei Fremde angeschaut, die voneinander wissen, dass sie in einer anderen Welt miteinander kommunizieren. Ich hätte ihn wahrscheinlich auch nicht angesprochen, wenn er alleine gewesen wäre. Ich bin – man glaubt es kaum – oft schüchtern. Man kann im Freundeskreis, im Job und auf der Bühne eine große Klappe haben und dennoch schüchtern sein.
Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass ich eine Social Media-Bekanntschaft „im echten Leben“ treffe, mit der ich mich nicht grüße. In einem Fall jedoch war es eine Frau, die ich tatsächlich angesprochen habe. Wir folgen uns gegenseitig auf Instagram. Ich kam gerade vom Sport und Einkaufen, bepackt wie ein Maulesel. Sie schwebte an meinem Haus vorbei. Ich nenne sie hier mal „Natalie“. Sie postet regelmäßig, manchmal täglich, wunderschöne Fotos von sich. Natalie eingekuschelt in ihren weißen Morgenmantel, der ihre langen schlanken Beine entblößt. Natalie von hinten vor ihrer weißen Flügeltür in rotem, figurumschmeichelndem Kleid. Natalie, gelassen lächelnd mit ihren rot manikürten Händen durch ihre wunderschöne lange Mähne fahrend, kurz nach dem Aufstehen. Natalie vor ihrem Kleiderschrank, über ihr Outfit grübelnd. Natalie, in ihrem großen Bett auf weißen Laken liegend unter weißer Bettwäsche, ein Selfie von sich machend. Natalie in Oversized-Blazer und sonst nix an, lachend beim Zubereiten eines Salates in ihrer Küche.
Ich habe mich schon manches Mal bei dem Gedanken erwischt, wer wohl diese perfekten Fotos in jeder Alltagssituation von ihr macht. Zu den Fotos schreibt Natalie wunderbare Texte. Tiefgründige Gedanken, die ich auch schon kommentiert habe. Wir liken uns gegenseitig. In dem Moment, als sie vor meinem Haus an mir vorbei lief, sprach ich sie spontan an. „Natalie? Hallo, wir kennen uns von Insta.“ „Saskia? Hallo! Du siehst ganz anders aus als auf den Fotos.“ Oha. Darauf wusste ich gar nichts zu entgegnen. Ich lasse mich in der Regel nicht fotografieren, wenn ich mich mit Sport- und Saunatasche sowie Einkaufsbeuteln von REWE oder dm nach Hause schleppe. Sie erzählte mir, dass sie es eilig habe, da auf dem Weg zu einem Shooting. Wir verabschiedeten uns freundlich und ich hievte meine Einkäufe ins Haus.
Seitdem habe ich keine fremde Social Media-Freundin mehr auf der Straße angesprochen. Vielleicht vermeide ich unbewusst genau das: den Vergleich. Vielleicht grüßen wir fremden Freunde uns deshalb nicht. Weil die Begegnung im echten Leben die Illusion stört, die wir uns online so sorgfältig gebaut haben. Auf Social Media sind wir kuratiert, gefiltert, wohlbeleuchtet. Im echten Leben sind wir bepackt, verschwitzt, unterwegs.
Vielleicht ist es manchmal einfacher, jemanden zu liken, als ihm auf der Straße zu begegnen – mit all dem, was man gerade wirklich ist.
Meine Freundin K. ruft an. Ob ich ganz spontan Zeit und Lust hätte auf ein gemeinsames Mittagessen. Sie würde mich bekochen. Ich vergesse Facebook. Und stürme los.
Das Foto von Dir da oben ist wirklich episch, da passt mal wirklich „großes Kino“.
Zum Thema Begegnung in der Kohlenstoffwelt* mit bislang virtuellen Bekannten/Kontakten („Freunden“ fände ich hier unangemessen) kann ich auch eine irritierende Erfahrung beitragen. Vorab muss ich sagen, dass ich ganz wenige fb-Freunde habe, also im Vergleich zu anderen, die aktiv „networken“ und etwa 99 Prozent davon traf ich zuerst persönlich und dann erst gab es die Freundschaftsanfrage von der einen oder anderen Seite.
Einer der ganz wenigen Kontakte, den ich nicht vorher persönlich traf, ist ein äußerst renommierter Berliner Galerist, von dem viele Künstler gerne vertreten wären. Er hat diverse gemeinsame fb-Freunde mit mir und hat evt. mal meine Kommentare bei einem ihm gut persönlich bekannten Fotografenfreund unter dessen fb-Postings gelesen. Jedenfalls schickte er mir eine Freundschaftsanfrage und ich war geradezu elektrisiert, dass DER Galerist auf die Idee kommt MICH zu kontaktieren. Ich habe das ganz opportunistisch bestätigt und kurz danach beschäftigte er sich offenbar mit meinen fb-Postings und likte dies und das. Ich war dann auch in diversen Einladungsverteilern für seine Vernissagen und Events aber irgendwie ist immer was dazwischen gekommen, ich war nie dort. Als ich meine Ausstellung vorbereitete, schickte ich ihm eine Einladungskarte per Post in die Galerie. Er reagierte darauf, bedankte sich und versicherte, er hätte es sich vorgemerkt und versuche zu kommen. Vier Wochen vor der Eröffnung meldete es sich im fb-Chat und entschuldigte sich, dass er „gestern“ leider verhindert war, ein Termin mit einem wichtigen Sammler. Ich dachte mir, er ist etwas überarbeitet und teilte ihm mit, die Eröffnung sei erst in vier Wochen, er habe nichts verpasst. Er entschuldigte sich herzlich, mit warmen Worten, dass er den Termin durcheinander gebracht hatte. Zu meiner Eröffnung ist er nicht erschienen, entweder hat er es vergessen oder war wieder anderweitig verplant. Ich habe dann auch keine Chat-Aktivitäten weitergeführt. Irgendwann im vergangenen Herbst machte ich mich dann doch einmal zu einer Eröffnung in seine Galerie auf, gemeinsam mit dem ihm bestens bekannten Fotografenfreund. Obwohl die Eröffnung vergleichsweise überschaubar besucht war und man Zeit gehabt hätte, jeden persönlich mit Handschlag zu begrüßen, hielt der Galerist Hof mit dem ausstellenden Künstler, stand immer an derselben Stelle und kommunizierte nur im Kreis der vier Personen um ihn herum. Er nahm weder meinen guten Freund noch mich in irgendeiner Form erkennbar wahr. Ich hatte auch keinerlei Lust mich aufzudrängen. Das war ganz befremdlich und ich fand es auch ungastlich, sich so abgeschottet zu geben. Mein Begleiter war ebenfalls etwas konsterniert, dass es nicht einmal zu einem „Hallo, schön dass Du auch gekommen bist“ kam. Einfach strange. Am besten, man hat immer im Hinterkopf, dass Kontaktaufnahmen und Bestätigungen via Freundschaftsanfragen auf fb für viele nur Routine-Klicks zwecks Verdichtung von Vernetzung sind. Es gibt auch Ausnahmen, aber die sind doch eher selten. Man will ja auch nicht übergriffig wirken, bei ungeplanter echter Begegnung. Ich verstehe die Zurückhaltung schon recht gut – auf beiden Seiten.
* haben die deutschen Blogger der ersten Generation vor zwanzig Jahren immer zur „richtigen Welt“ außerhalb des Internets gesagt
Erstmal das Foto! Wow! Wie wunderschön ist das denn? Dann das: Ich habe eine sehr bekannte, laute Frau (keine Schauspielerin, eher eine Art Journalistin) in einem Café kennengelernt, dann hat sie mich auf Facebook geaddet mit mit vielen netten Worten öffentlich auf meiner Wall (ist alles fast 17 Jahre her, suchen zwecklos :D). Irgendwann habe ich eine Info gebraucht, also habe ich sie per DM gefragt, ob sie mir weiterhelfen könnte, da postete sie auf ihrer eigenen Seite: Das war ein guter Tag, habe das und das gemacht (vieles aufgezählt…) und mich darüber hinaus bewusst entschieden, jemanden zu ignorieren. Peng! Das hat gesessen. Es fehlte nur noch eine Verlinkung zu mir (das hat sie gnädigerweise nicht gemacht), aber es war klar, dass ich gemeint war. Seitdem habe ich NIE WIEDER einem eine Vernetzungsanfrage zusgesagt, den ich nicht kenne, jemanden angesprochen, den ich nur auf Social-Media kenne oder irgend jemanden um einen Rat oder eine Info gefragt, dem ich nicht vertraue. Social-Media ist eine IRRE WELT! Das habe ich vor über 17 Jahren so hart erlebt, das war eine so knallharte Lehre. Ich fühlte mich so-so mies. Aber Gott sei Dank bist du bei meinen Kontakten 😀 Küsse!