„Endlich ist Januar! Nach dem ganzen Feiertags- und Endjahreswahnsinn kommt das Leben endlich wieder in vernünftige Bahnen“ meinte gestern ein lieber Kollege zu mir. Meine Freundin A. wiederum fühlt sich vom Neujahr immer erschlagen. Sie hätte gerne mehr Tage zwischen den Jahren. Ich kann beide verstehen. In der ersten Januarwoche fühle ich mich oft wie in einem Vakuum. Bin noch nicht richtig „da“ im neuen Jahr. Schwebe zwischen zauderhafter Ungewissheit, Vorfreude, Zukunftsängsten und Zuversicht. Jedem Jahresanfang wohnt ein Zauber inne. Der Januar ist der Montag des Jahres. Ein weißes Blatt, das darauf wartet, bemalt, beschrieben, vollgekritzelt, bepinselt, beschmiert und vollgekleckst zu werden.
Und pünktlich zur Zeit der guten Vorsätze erreichen mich wieder sämtliche Selbstoptimierungsangebote, vor allem in den sozialen Medien: Dry January. Veganuary. Gymuary. 30-Tage-Neujahrs-Praxis-zur-Taoistin-inspiriert-durch-das-Dao de Jing. Neujahrs-Challenge Mindset. Neujahrs-Challenge Bauchfett reduzieren. Neujahrs-Challenge „2026 wird DEIN Jahr! Es ist dir wirklich ernst?“. „Kraftvoll durchs neue Jahr mit Liebesgöttin Lakshmi“.
Laut dem Datenportal statista1 haben sich 52% der Befragten für 2026 vorgenommen, mehr Geld zu sparen. Die Hälfte will sich gesünder ernähren. Gleich danach folgen „mehr Sport treiben“, „abnehmen“ und „mehr Zeit mit Familie / Freunden verbringen“.
Interessanterweise rangiert „weniger Zeit in sozialen Medien verbringen“ noch vor „weniger Alkohol trinken“ und „mit dem Rauchen aufhören“. Ich reihe mich ganz brav in die Statistik ein. Erstmalig in meinem Leben – na gut, also seit irgendwann als Teenager – bin ich alkoholfrei in das neue Jahr gerutscht. „Wenn schon, denn schon“ dachte ich mir und wollte den Dry January als Erste starten – noch vor Mitternacht. War okay. Aber von mir aus muss es nicht noch einmal alkoholfreier Sekt sein. Beim Weinhändler meines Vertrauens kaufte ich den besten, den er hat. Natürlich entging mir sein Blick nicht – eine Mischung aus Entsetzen und Mitleid. Als ich ihn stolz über meinen übereifrigen und voreiligen Neujahrsvorsatz aufklärte, meinte er nur grinsend: „Streberin“.
Alkoholfreier Sekt ist zwar nicht ganz so schlimm wie alkoholfreier Wein, doch Spaß macht er nicht. Dann doch lieber Tonic Water, Cola und Limonade – die schmecken wenigstens!
Komisch eigentlich: Eine KI-Stimme kann wie eine echte Stimme klingen (ich rede vom Klang, nicht von der Sprechweise wohlgemerkt). Eine vegane Hähnchen-Lyoner schmeckt wie eine echte Hähnchen-Lyoner. Aber bei alkoholfreiem Alkohol bekommt die Industrie das einfach nicht hin!
Und zum Vorsatz „Mehr Sport treiben“ (48 Prozent): Da ich ja nun alkoholfrei ins neue Jahr gestartet bin und ergo erstmalig – also auch seit Teenagerzeiten – am 1. Januar keinen Kater hatte, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben an Neujahr ins Fitnessstudio gegangen. War erquickend! So, Angeber-Modus beendet.
„Gut ist der Vorsatz, aber die Erfüllung schwer“, wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der Januar uns so ambivalent erscheint. Er verlangt Entscheidungen – zu einem Zeitpunkt, an dem wir innerlich oft noch unterwegs sind.
Vielleicht ist der Januar gar nicht dazu da, uns neu zu erfinden, sondern uns kurz wiederzufinden. Ich nehme mir für dieses Jahr vor, mir nicht alles vorzunehmen.
Wenn der Januar der Montag des Jahres ist, dann wünsche ich euch allen ein fantastisches Ankommen – mit Zeit, Toleranz und, wenn es sich vermeiden lässt, möglichst wenig alkoholfreiem Sekt.
Ob schwungvoll fortissimo oder geschmeidig pianissimo: Auf ein wundervolles Jahr 2026!
Selbstoptimierung löst keine sytemimmanenten Probleme. Ich beobachte, dass Institutionen und Unternehmen mit dem Ziel der Effizienz-Steigerung trendige Labels aus der Psycho-Branche vereinnahmen, gestützt von Unternehmensberaterungen, die ihren Kunden, eben diesen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen für viel Geld den jeweils angesagten, gängigen Trend aufschwatzen. Verschleiert als Benefit an Mitarbeiter/innen, die sich auf Firmenkosten fortbilden dürfen. Der Schreibtisch biegt sich wegen Überlastung? „Vielleicht sollten Sie mal ein Zeit-Management Seminar aus unserem HR Angebot machen.“ Das traurige Resultat der Marschroute Sparen Sparen Sparen bei zeitgleichem Höher Schneller Weiter, die einzig der Profilierung von gewissen Führungsebenen dient. „Sie fühlen sich gestresst und überlastet? Wir hätten da was im Angebot! Resilienztraining, genau das Richtige für Sie“ Einfach mal die Augen schließen und bis zehn zählen anstatt zu explodieren, atmen amten atmen. Wie wäre es mit Yoga? Und Lächeln Sie doch einfach mal öfter! Das wird Ihnen gut tun.“ Ich fürchte, Begriffe wie „Resilienz“ sind inzwischen ebenso verbrannt wie Kalendersprüche und Wandtattoos à la „Carpe Diem“ oder „Einfach mal die Seele baumeln lassen“. Die Seele kann ganz gut ohne extra Aufforderung baumeln, wenn ihr danach ist. Warum eigentlich sollte man stärker werden? Was ist verkehrt daran, sich angesichts einer persönlichen Katastrophe schwach zu fühlen? Beispielsweise das Thema Tod im engsten persönlichen Kreis. Trauern ist keine zu optimierende Schwäche, sondern angemessene Verarbeitung. Rückzug, Nachdenken, Einsamkeit pflegen. Das sind auch Heilprozesse, die aber in unserer leistungsorientierten Denke, der schnelllebigen Welt unserer Tage für Außenstehende vielleicht zu lange dauern, nerven, langweilen. Ich bin einfach alarmiert, wenn ich rieche, dass Verhalten benotet und verschubladet wird.
Ich hätte diesen klugen, klaren Kommentar gern einfach nur mit einem Herz markiert. ❤️
Stimme Dir in allen Punkten zu. Und ja: Schwäche, Rückzug, Trauer und Langsamkeit sind keine Defizite, sondern zutiefst menschliche Prozesse. Danke fürs Teilen, liebe Gaga.
Wie schön, dass Mitteschnitte wieder da ist. Mit Sport und ohne Alkohol. Das nenne ich mal einen Start. Toll! Freue mich auf alle Beiträge im neuen Jahr, weil sie schön sind, unterhaltsam sind, wahnsinnig toll geschrieben sind und ich mir wünsche, dass sie als Buch veröffentlicht werden. „Best of Mitteschnitte!“. Das ist mal ein Vorsatz 😀 😀 😀 Ich helfe auch gerne dabei!
Oh wie schööön, liebe Montagsmarie! ❤️ Danke für Deine lieben Worte, die mich sehr freuen und beflügeln. Und „Best of Mitteschnitte“ als Buch: Da hast Du mir jetzt was eingepflanzt 😂🪴 Und auf Dein Hilfsangebot komme ich dann selbstverständlich zurück 😍)
Getränke, die von Hause aus mit Alkohol konzipiert sind, lassen sich wirklich wirklich wirklich nicht überzeugend nachbauen, wenn man gehobene oder genauer: bestimmte Ansprüche an den Geschmack hat. Mir ist aufgefallen, dass Leute, die alkoholfreie Nachbauten von Schaumwein akzeptabel finden, auch bei den Schaumweinen mit Alkohol andere Sorten als ich bevorzugen. Egal was ich bisher von den Nachbauten gelegenheitshalber probiert habe, es ist mir immer viel zu lieblich und süß, auch wenn der Nachbau „trocken“/“brut“ anstrebt.
Bei einer längeren Bahnfahrt (wo ich mich gerne im ICE-Bordbistro niederlasse) war bei einer spätabendlichen Rückfahrt nach Berlin das Bitburger Pils mit Alkohol alle, es gab nur noch die alkoholfreie Variante. Ich bestellte das in Unkenntnis des Geschmacks. Es schmeckte einfach lasch und langweilig, irgendwie fehlte der Kick, und das meine ich nicht psychologisch. Zu meiner eigenen Beruhigung habe ich in den vergangenen Wochen (in denen ich für meine Verhältnisse relativ selten Alkohol getrunken habe) festgestellt, dass ich expliziten Appetit auf ein bestimmtes alkoholisches Getränk haben muss, um es mir zu genehmigen. Die entspannende Wirkung allein war mir nicht Verlockung genug. Die empfinde ich sowieso nur bei den ersten zwei Gläser, danach kommt so ein Gefühl von Trunkenheit, das sich nicht so gut anfühlt, eher Energie abzieht.
Ich gehe wie jedes Jahr (immer schon) ohne jegliche Vorsätze in ein neues Jahr. Der übrige Alltagsstress reicht mir schon. Ich rege mich sowieso gerne über diese ganzen Selbstoptimierungstrends auf, explizit über für mein Empfinden unentspannte Ideen wie „Mundwinkel nach oben“ macht gute Laune, erzwungenes Lächeln etc. Oder diese Scheiß-Mode, sich mehr „Resilienz“ anzutrainieren, damit man quasi gesellschaftlich und arbeitstechnisch noch belastbarer wird, eine noch bessere Arbeitsbiene. Nö! Meiner Meinung nach sind Schwäche- und Überlastungssymptome eine gesunde Abwehrreaktion von Geist und Körper. Da beginnt das Selbstheilungsprogramm. Es gibt übrigens eine Studie zu Stressfaktoren in Call Center-Jobs, die wie man weiß, ohnehin sehr anstrengend sind. Wer gezwungen, aufgesetzt lächelt, produziert zusätzliche Stresshormone, die krank machen 🙂 Glaube ich sofort. Nicht lächeln ist durchaus ein Haushalten mit den Kräften. Wenn es was zu lachen gibt, bin ich aber die Erste, die mitmacht.
Liebe Gaga, Deinen Gedanken zur viel gepriesenen Resilienz finde ich spannend. Dass Müdigkeit, Widerstand und Überlastung kluge Schutzprogramme von Körper und Seele sind. „Oder diese Scheiß-Mode, sich mehr ‚Resilienz’ anzutrainieren, damit man quasi gesellschaftlich und arbeitstechnisch noch belastbarer wird, eine noch bessere Arbeitsbiene.“ Ja, die Vorstellung, wir müssten uns nur noch ein bisschen widerstandsfähiger optimieren, um als fröhliche Arbeitsbienen durch den Alltag zu summen, ist eher dystopisch als motivierend.
In diesem Zusammenhang wird der Begriff Resilienz „zweckentfremdet“ – denn eigentlich meint er ja die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen. Nicht die Kunst, immer noch mehr auszuhalten.
Was Du über die Studie zu Stressfaktoren in Callcentern schreibst, hat bei mir sofort eine Erinnerung ausgelöst: mein erster Studentenjob, blutjung, im Callcenter. Man glaubt kaum, wie sehr Callcenter-Mitarbeiter📞innen manchmal zur Frust-Entladung herhalten müssen – und dabei stets höflich und professionell bleiben sollen. Da ist es absolut klug, mit den eigenen Kräften zu haushalten statt „Mundwinkel nach oben“.
Und gleichzeitig: Ich erlebe immer wieder, dass man über den Körper – selbst wenn es sich anfangs ein bisschen aufgesetzt anfühlt – tatsächlich Einfluss auf die Stimmung nehmen kann. In der Schauspielarbeit, aber auch im Alltag, fasziniert mich diese Wechselwirkung enorm: wie Muskelbewegungen, Haltung und Atem den emotionalen Zustand verändern können – positiv wie negativ.
Sehr geprägt hat mich in der Ausbildung das Werk von Michael Tschechow (Chekhov), Neffe von Anton, mit seinen psycho-physischen Übungen. Nicht nur für Schauspieler spannend, sondern für alle, die sich für das Zusammenspiel von Körper und Psyche interessieren.
Also: Im Kern gebe ich Dir recht. Bei sich bleiben, auf sich hören, nichts erzwingen.
Aber wenn es doch einmal nötig ist, darf man sich ruhig der magischen Kraft des Körpers bedienen 🤩