Aller Anfang

  1. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/952182/umfrage/umfrage-in-deutschland-zu-den-beliebtesten-neujahrsvorsaetzen/ ↩︎

6 thoughts on “Aller Anfang

  1. Selbstoptimierung löst keine sytemimmanenten Probleme. Ich beobachte, dass Institutionen und Unternehmen mit dem Ziel der Effizienz-Steigerung trendige Labels aus der Psycho-Branche vereinnahmen, gestützt von Unternehmensberaterungen, die ihren Kunden, eben diesen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen für viel Geld den jeweils angesagten, gängigen Trend aufschwatzen. Verschleiert als Benefit an Mitarbeiter/innen, die sich auf Firmenkosten fortbilden dürfen. Der Schreibtisch biegt sich wegen Überlastung? „Vielleicht sollten Sie mal ein Zeit-Management Seminar aus unserem HR Angebot machen.“ Das traurige Resultat der Marschroute Sparen Sparen Sparen bei zeitgleichem Höher Schneller Weiter, die einzig der Profilierung von gewissen Führungsebenen dient. „Sie fühlen sich gestresst und überlastet? Wir hätten da was im Angebot! Resilienztraining, genau das Richtige für Sie“ Einfach mal die Augen schließen und bis zehn zählen anstatt zu explodieren, atmen amten atmen. Wie wäre es mit Yoga? Und Lächeln Sie doch einfach mal öfter! Das wird Ihnen gut tun.“ Ich fürchte, Begriffe wie „Resilienz“ sind inzwischen ebenso verbrannt wie Kalendersprüche und Wandtattoos à la „Carpe Diem“ oder „Einfach mal die Seele baumeln lassen“. Die Seele kann ganz gut ohne extra Aufforderung baumeln, wenn ihr danach ist. Warum eigentlich sollte man stärker werden? Was ist verkehrt daran, sich angesichts einer persönlichen Katastrophe schwach zu fühlen? Beispielsweise das Thema Tod im engsten persönlichen Kreis. Trauern ist keine zu optimierende Schwäche, sondern angemessene Verarbeitung. Rückzug, Nachdenken, Einsamkeit pflegen. Das sind auch Heilprozesse, die aber in unserer leistungsorientierten Denke, der schnelllebigen Welt unserer Tage für Außenstehende vielleicht zu lange dauern, nerven, langweilen. Ich bin einfach alarmiert, wenn ich rieche, dass Verhalten benotet und verschubladet wird.

    1. Ich hätte diesen klugen, klaren Kommentar gern einfach nur mit einem Herz markiert. ❤️
      Stimme Dir in allen Punkten zu. Und ja: Schwäche, Rückzug, Trauer und Langsamkeit sind keine Defizite, sondern zutiefst menschliche Prozesse. Danke fürs Teilen, liebe Gaga.

  2. Wie schön, dass Mitteschnitte wieder da ist. Mit Sport und ohne Alkohol. Das nenne ich mal einen Start. Toll! Freue mich auf alle Beiträge im neuen Jahr, weil sie schön sind, unterhaltsam sind, wahnsinnig toll geschrieben sind und ich mir wünsche, dass sie als Buch veröffentlicht werden. „Best of Mitteschnitte!“. Das ist mal ein Vorsatz 😀 😀 😀 Ich helfe auch gerne dabei!

    1. Oh wie schööön, liebe Montagsmarie! ❤️ Danke für Deine lieben Worte, die mich sehr freuen und beflügeln. Und „Best of Mitteschnitte“ als Buch: Da hast Du mir jetzt was eingepflanzt 😂🪴 Und auf Dein Hilfsangebot komme ich dann selbstverständlich zurück 😍)

  3. Getränke, die von Hause aus mit Alkohol konzipiert sind, lassen sich wirklich wirklich wirklich nicht überzeugend nachbauen, wenn man gehobene oder genauer: bestimmte Ansprüche an den Geschmack hat. Mir ist aufgefallen, dass Leute, die alkoholfreie Nachbauten von Schaumwein akzeptabel finden, auch bei den Schaumweinen mit Alkohol andere Sorten als ich bevorzugen. Egal was ich bisher von den Nachbauten gelegenheitshalber probiert habe, es ist mir immer viel zu lieblich und süß, auch wenn der Nachbau „trocken“/“brut“ anstrebt.

    Bei einer längeren Bahnfahrt (wo ich mich gerne im ICE-Bordbistro niederlasse) war bei einer spätabendlichen Rückfahrt nach Berlin das Bitburger Pils mit Alkohol alle, es gab nur noch die alkoholfreie Variante. Ich bestellte das in Unkenntnis des Geschmacks. Es schmeckte einfach lasch und langweilig, irgendwie fehlte der Kick, und das meine ich nicht psychologisch. Zu meiner eigenen Beruhigung habe ich in den vergangenen Wochen (in denen ich für meine Verhältnisse relativ selten Alkohol getrunken habe) festgestellt, dass ich expliziten Appetit auf ein bestimmtes alkoholisches Getränk haben muss, um es mir zu genehmigen. Die entspannende Wirkung allein war mir nicht Verlockung genug. Die empfinde ich sowieso nur bei den ersten zwei Gläser, danach kommt so ein Gefühl von Trunkenheit, das sich nicht so gut anfühlt, eher Energie abzieht.

    Ich gehe wie jedes Jahr (immer schon) ohne jegliche Vorsätze in ein neues Jahr. Der übrige Alltagsstress reicht mir schon. Ich rege mich sowieso gerne über diese ganzen Selbstoptimierungstrends auf, explizit über für mein Empfinden unentspannte Ideen wie „Mundwinkel nach oben“ macht gute Laune, erzwungenes Lächeln etc. Oder diese Scheiß-Mode, sich mehr „Resilienz“ anzutrainieren, damit man quasi gesellschaftlich und arbeitstechnisch noch belastbarer wird, eine noch bessere Arbeitsbiene. Nö! Meiner Meinung nach sind Schwäche- und Überlastungssymptome eine gesunde Abwehrreaktion von Geist und Körper. Da beginnt das Selbstheilungsprogramm. Es gibt übrigens eine Studie zu Stressfaktoren in Call Center-Jobs, die wie man weiß, ohnehin sehr anstrengend sind. Wer gezwungen, aufgesetzt lächelt, produziert zusätzliche Stresshormone, die krank machen 🙂 Glaube ich sofort. Nicht lächeln ist durchaus ein Haushalten mit den Kräften. Wenn es was zu lachen gibt, bin ich aber die Erste, die mitmacht.

    1. Liebe Gaga, Deinen Gedanken zur viel gepriesenen Resilienz finde ich spannend. Dass Müdigkeit, Widerstand und Überlastung kluge Schutzprogramme von Körper und Seele sind. „Oder diese Scheiß-Mode, sich mehr ‚Resilienz’ anzutrainieren, damit man quasi gesellschaftlich und arbeitstechnisch noch belastbarer wird, eine noch bessere Arbeitsbiene.“ Ja, die Vorstellung, wir müssten uns nur noch ein bisschen widerstandsfähiger optimieren, um als fröhliche Arbeitsbienen durch den Alltag zu summen, ist eher dystopisch als motivierend.
      In diesem Zusammenhang wird der Begriff Resilienz „zweckentfremdet“ – denn eigentlich meint er ja die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, ohne daran zu zerbrechen. Nicht die Kunst, immer noch mehr auszuhalten.

      Was Du über die Studie zu Stressfaktoren in Callcentern schreibst, hat bei mir sofort eine Erinnerung ausgelöst: mein erster Studentenjob, blutjung, im Callcenter. Man glaubt kaum, wie sehr Callcenter-Mitarbeiter📞innen manchmal zur Frust-Entladung herhalten müssen – und dabei stets höflich und professionell bleiben sollen. Da ist es absolut klug, mit den eigenen Kräften zu haushalten statt „Mundwinkel nach oben“.

      Und gleichzeitig: Ich erlebe immer wieder, dass man über den Körper – selbst wenn es sich anfangs ein bisschen aufgesetzt anfühlt – tatsächlich Einfluss auf die Stimmung nehmen kann. In der Schauspielarbeit, aber auch im Alltag, fasziniert mich diese Wechselwirkung enorm: wie Muskelbewegungen, Haltung und Atem den emotionalen Zustand verändern können – positiv wie negativ.
      Sehr geprägt hat mich in der Ausbildung das Werk von Michael Tschechow (Chekhov), Neffe von Anton, mit seinen psycho-physischen Übungen. Nicht nur für Schauspieler spannend, sondern für alle, die sich für das Zusammenspiel von Körper und Psyche interessieren.
      Also: Im Kern gebe ich Dir recht. Bei sich bleiben, auf sich hören, nichts erzwingen.
      Aber wenn es doch einmal nötig ist, darf man sich ruhig der magischen Kraft des Körpers bedienen 🤩

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