Eine Freundin arbeitet seit kurzem in einem Drogeriemarkt an der Kasse. Sie war aufgeregt, weil sie das noch nie zuvor gemacht hatte. Ihre ersten Kasse-Stunden liefen aber bereits erfolgreich. Doch vor lauter Tasten und Zahlen war sie erstmal ganz wirr und erkannte deshalb ihren eigenen Vater nicht, der vor ihr an der Kasse in der Schlange stand. Ich hab auch mal als Kassiererin gearbeitet. In meiner Abi-Zeit, um mir die Fahrstunden für den Führerschein zu finanzieren. Der Supermarkt hieß „Mini Mal“ und befand sich in einem Vorort von Frankfurt am Main. Ich machte die Arbeit ganz gern, aber ich erinnere mich noch heute an drei Dinge, die speziell waren.
1. Mein Chef, Herr Peters. Ein Typ so Ende 50 in weißem Supermarkt-Chefkittel mit graubraunen Locken und eckiger Metallbrille, der mir zum Ladenschluss immer zurief: „Blondie, zähl mal die Kasse aus!“
2. Milchtüten. Es gab damals noch Frischmilch in sogenannten Milchschläuchen, die aus Kunststofffolie bestanden. Das war so eklig, wie diese immer tropfnassen Milchbeutel auf dem Fließband Schlieren hinterließen. Das gummierte Förderband wurde an diesen Stellen immer ganz stumpf. Den speziellen Geruchmix aus Kleingeld, Milchschliere und Fließbandgummi an den Händen habe ich allein bei dem Gedanken schon wieder in der Nase. Ich konnte schon damals nicht verstehen, wie Leute solche Milchbeutel kaufen konnten. Wie diese attraktive bronzegetönte Dame mit langem blonden Haar und Pony, die freitagabends immer drei Milchtüten aufs Band legte.
3. Das Münzgeld, das durch Tausende von Händen gewandert war, nicht selten klebte und vor dessen Geruch und Haptik ich mich ekelte. Mir war schon damals die Ironie der Situation bewusst – sich vor etwas so Kostbarem wie Geld, das man doch braucht und begehrt, zu ekeln. Ich entwickelte die Obsession, meine Hände zu desinfizieren, lange bevor eine weltweite Pandemie Kinofilme wie „Outbreak – Lautlose Killer“ und „Contagion“ in den Bereich der Realität rücken ließ. Die heutige Dominanz der kontaktlosen Zahlungen wäre damals für mich ein Segen gewesen.
In keinem anderen Job habe ich jemals die Kombination aus Anrede mit Nachnamen und Duzen erlebt. „Frau Rutner, hast du noch Fünfer zum Wechseln?“ „Frau Rutner, hast du die Nummer für Jonagold-Äpfel?“ Fand ich aber immer lustig. Was es damals aber glücklicherweise noch nicht gab, waren an der Kasse telefonierende Kunden – ob direkt am Handy oder später monologisierend mit In-Ear-Kopfhörern – welche die Person neben dem Fließband nicht mal anschauen geschweige denn begrüßen.
In dem Supermarkt meines Vertrauens kenne ich zwei Kassiererinnen persönlich. Ich freu mich immer, mit ihnen zu plaudern, allein weil wir so richtig schön berlinern. Die eine heißt Königin Silvia. Eine drahtige Endfünfzigerin mit gelben kurzen Punkhaaren und knarziger Stimme, die auch bei den längsten Kundenschlangen und in Feiertags-Hysterie so resolut und zäh ist wie Captain Barbossa in „Fluch der Karibik“ – mit einem Tempo wie Speedy Gonzales. Königin Silvia habe ich mal vor vielen Jahren, als ich nach Parties und Veranstaltungen nachts gerne noch einen Absacker im Kiez nahm, in einer Raucherkneipe in meiner Straße kennengelernt. Wir kannten uns vom Sehen natürlich vom Supermarkt. Als ich sie fragte, wie sie heißt, antwortete sie: „Silvia. Wie Königin Silvia von Schweden.“ Seitdem heißt sie für mich Königin Silvia. Die andere ebenso blitzschnelle Kassiererin, die ich auch sehr mag, heißt Yvonne. Wir haben eine gemeinsame Freundin und uns durch diese auf einer Gartenfeier kennengelernt. Irgendwann erzählte mir Yvonne freudig an der Kasse, dass es ein Theaterstück über sie geben würde – ja über sie – an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch – und dass sie mich gerne zur Premiere einladen möchte. Die junge Regisseurin hatte Yvonne an der Kasse angesprochen und anschließend deren Biografie mit einer Schauspielerin auf die Bühne gebracht. Durch die beeindruckende Inszenierung mit Interview-Einblendungen erfuhr ich, dass Yvonne bereits seit 1997 als Kassiererin in meinem Supermarkt arbeitet und wie sie die diversen Wechsel und Umbauten in dem Laden erlebt hat. Und wie es sich anfühlt, wenn das Gegenüber mit Handy am Ohr die Ware bezahlt, ohne einem überhaupt in die Augen zu schauen. Auf der Premiere wurde Yvonne auch von ihren Kollegen und Kolleginnen herzlich gefeiert und wir zogen alle weiter in eine Ur-Berliner Kneipe in der Nähe des Supermarktes. Beim gemeinsamen auf-Yvonne-Anstoßen ging mir durch den Kopf, dass schon wieder längst vergessen war, dass genau diese Menschen damals im Lockdown unermüdlich und erstaunlich freundlich durchhielten, als die Horden mit Klopapier und Nudeln bewaffnet die Kassen stürmten. Die gleichen Menschen, die mir jeden Tag mein Essen verkaufen – und die jetzt schon wissen, dass der jährliche Festtagswahnsinn wieder auf sie zurollt.
Ich empfehle jedem jungen Menschen, einmal an der Kasse zu arbeiten. Wer schon mal eine Feierabendschlange überlebt hat, die kollektiv aufstöhnt und einen böse anfunkelt, weil man aus Versehen die Ware der nächsten Kundin gescannt hat, der hat seine Stressresistenz schon mal auf Level 1 gebracht. Spätestens dann, wenn man hektisch mit hochrotem Kopf nach dem Storno-Knopf sucht und über den Lautsprecher um Hilfe fleht, weil die Kollegin an der Nachbarkasse ebenfalls im Ausnahmezustand ist, beginnt das echte Resilienztraining. Aber wie lange wird es diesen Beruf noch geben? Es beschleicht mich jedes Mal ein seltsames Gefühl, wenn ich sehe, wie Yvonne, Königin Silvia und ihre Kolleginnen an den Selbstbedienungskassen stehen und den Kunden erklären, wie man sie bedient. Müssen sie dabei helfen, sich selbst überflüssig zu machen? Werden wir irgendwann nur noch unser Zeug am Automaten scannen und glauben, nichts zu vermissen? Und jetzt entschuldigt mich bitte – mir fällt gerade ein, ich muss noch schnell Kaffee holen.
Wie wertvoll dieser Beitrag ist. Ich stehe so oft mit diesen AirPods an der Kasse, weil ich irgend einen Podcast höre. Das ist in der Tat so unfreundlich. Obwohl ich immer mit den Kassiererinnen auch flirte und lächle (spule halt danach zurück), diese AirPods in den Ohren ist mies. Die müssen weg. Das geht gar nicht. Das verspreche ich hiermit. Das hast du ganz toll geschrieben, Frau Rutner! DANKE!
Also wegen mir wird keine Kassiererin arbeitslos! Ich habe erst einmal selbst gescannt, bei Rossmann, ging auch flott, aber hat mir keine Lust auf mehr gemacht. Ich mag die kleinen Flirts von Mensch zu Mensch mit den Kassiererinnen und Kassierern. Überhaupt habe ich eine Vorliebe für Leute aus der Dienstleistungsbranche. Verkaufspersonal, Reinigungskräfte und Arzthelferinnen. Auch die Handwerks-Zunft hat meine Sympathie. Eigentlich alle Berufe, wo man nachvollziehen kann, ja SIEHT, was die Leute arbeiten, wie nützlich und unentbehrlich sie sind! Ganz unten dagegen im Ranking meiner Sympathie-Berufe-Liste: „Berater/innen“, diese ganzen „Consultants“ und „Bereichsleiter/innen“, wo kein Schwein je merken würde, wenn die drei Monate krank wären, weil ihre „Arbeitsleistung“(?) praktisch von niemandem vermisst wird.
Unglaublicherweise hat meine Mama in den Siebzigern und Achtzigern in Bayern diese Milchschläuche für unseren Haushalt gekauft. Es gab so eine Plastikhalterung, damit die Milchtüten da drin stehen konnten, wenn sie an einer Ecke aufgeschnitten waren. Hab ich danach nie mehr gesehen. Gibt es die etwa noch?
Königin Silvia ist mir schon von Deinem Eintrag hier total sympathisch. Viele Grüße!