Morgens um 10 Uhr im Rosengarten. Die Frühlingssonne scheint. Herrlich, mal wieder auf einer Parkbank zu sitzen. Laute männliche Stimme von der übernächsten Parkbank zu mir rüber schallend.
„Ich sitze hier in Berlin. Im Weinbergspark. Beim Rosenthaler Platz. Ja, haha, ich bin hier quasi vor meinem Wohnzimmer. Ja haha, herrliches Wetter! Ich ziehe ja in drei Tagen in die Schweiz, muss noch einiges regeln.“
Zwei Frauen, anscheinend Mutter und Tochter, die auf der Bank dazwischen sitzen, spitzen wie ich die Ohren.
„Sehr schön, dass der Termin mit uns beiden jetzt klappt! Wollen wir uns duzen? In Deutschland ist man ja sonst etwas förmlicher…“
Ich bin neugierig, wer der fröhliche Herr ist, der uns Zuhörerinnen auf den Parkbänken an seinem Gespräch teilhaben lässt. Welches er per Skype führt, mit In-Ear-Kopfhörern, das Notebook auf seinen Oberschenkeln.
„Ich würde dir den Vortritt lassen. Mmmh (Stimme geht nach oben) gerne!“
Ah, er führt anscheinend ein informelles Bewerbungsgespräch. Auf jeden Fall ist er derjenige, bei dem sich die andere Person bewirbt. Oder mit dem sie gerne arbeiten würde. Ich kann natürlich die Stimme des Gegenübers nicht hören wegen seiner Kopfhörer, aber sein weicher, zugewandter Tonfall sagt mir, dass es sich um eine Frau handelt.
„Ja mmh! (Stimme geht nach oben) Kenn ich! Aaah! Wann war das? Wann war die Geschäftsführung? Dann müssen wir uns über den Weg gelaufen sein! Jahaha genau das Future Leader Training, das Führungskräftetraining! Ja Mensch, mit dem David B.! Das ist ja schon eine Weile her, spannend spannend!
Was unterrichtest du? Mmh… (Stimme geht nach oben) Mmh… Mmmh… Spannend… Ja genau… Ja ich glaube Phil hatte das erwähnt. Aaah genau! Oh wow, das ist groß. Sehr spannend! Vielen Dank, das ist ein spannender Lebensweg, den du hast.“
Über den spannenden Lebensweg hätte ich gerne etwas mehr erfahren, aber er scheint jetzt über sich selbst reden zu wollen. Das Mutter-Tochter-Duo hat lakonisch grinsend die Parkbank verlassen. Ich bleibe sitzen – jetzt will ich schon gerne wissen, wie der Entscheider zwei Bänke neben mir das Interview weiter führt. Da ich auch Kopfhörer trage und auf mein Handy starre und vor mich hin tippe, wirke ich absolut unauffällig.
Mit lauter, freundlicher Stimme setzt er (wie ich später merken werde) zu einem langen Monolog an (den ich hier stark einkürze).
„Ich habe an der Universität Singapur Industriedesign studiert. Als Produktentwicker habe ich in Thailand gearbeitet für westliche Unternehmen, die in Asien produzieren. Viele Unternehmen sind damals abgewandert nach China, weil es einfach billiger war.
Ich hab meine Firma in Hongkong gegründet und viele Firmen bei ihrer Produktentwicklung beraten. Ich war dann 18 Jahre in Asien und kam auch in Kontakt mit NGOs. Ich war Head of Campaign Strategy und hab in Ländern wie Singapur, Malaysia, Thailand und den Philippinen Fundraising für eine große internationale NGO betrieben.“
Es folgt die halbe Lebensgeschichte, ich döse fast weg. Seine Stimme hat jetzt fast etwas Meditatives. Die Aufzählungen wimmeln nur so vor Anglizismen und Business-Abkürzungen. Die Vögel zwitschern über den aus dem Winterschlaf erwachenden Rosenbeeten.
„Work for higher Agreements… Genau, Fundraising. Strategien entwickeln, die Leute enablen, geeignete Funds zu raisen…
Dann hatte ich noch alle möglichen anderen internationalen Zertifizierungen und Coaching-Tätigkeiten, war CEO einer Firma in Australien und dann in New York Board Director bei UNICEF und jetzt arbeite ich auch für die deutsche Regierung.“
Für die deutsche Regierung? Jetzt bin ich wieder wach. Und ehrlich beeindruckt von diesem Top-Lebenslauf.
Fühle mich wie eine Agentin. Mitteschnitte 006. Hoffentlich erzählt er nicht gleich, dass er auch noch für den BND arbeitet. Aber was kann ich dafür, dass ich zwei Parkbänke weiter sitze.
Er erzählt von einem vertraulichen technologischen Innovationsprojekt in gigantischer Milliardenhöhe und von den Anforderungen der Bank – welche ich hier natürlich aus Diskretion nicht preisgebe. Menschliche Interaktion mit Kunden solle auf ein Mindestmaß reduziert werden.
„Natürlich ist mir die menschliche Komponente ganz, ganz wichtig! Aber wir müssen natürlich schauen, wie weit wir automatisieren können.“
Jetzt wird er mir doch unsympathisch.
Plötzlich steht ein Mann mit verwegenem Vollbart, dickem braunem Haar unterm Basecap und Marshall-Kopfhörern vor mir und beugt sich zu mir herunter. Er saß auf der Parkbank weiter hinten schräg gegenüber vor den Büschen. Bei der Lautstärke des CEO muss er dessen Gespräch auch mitgehört haben. „Kannst du mir vielleicht helfen?“
Ich zögerlich: „Ja, vielleicht, wobei?“ (Ich erwarte, dass er mich um Kleingeld bittet. Allerdings sprechen die Marshall-Kopfhörer dagegen).
„Ich saß dort hinten auf der Bank und mir ist leider meine Brille runtergefallen. Ich finde sie nicht, ich sehe schlecht. Kannst du vielleicht für mich nachschauen, ob du sie entdeckst?“
Ich bejahe und erhebe mich, mit ihm zur Bank laufend. Dabei rattert es in meinem Kopf. Würde er es wagen, mich hier am helllichten Vormittag zu überfallen?! Ich drehe mich auf dem Weg zur Bank zurück zu dem skypenden Business-Typ, vielleicht könnte er im Notfall helfen oder wäre zumindest Zeuge. Er hält noch immer seinen Monolog, aber er schaut tatsächlich zu mir. Der Käppi-Typ zeigt etwas hilflos auf das Gebüsch hinter der Bank.
„Da muss sie irgendwo sein! Vielleicht siehst du sie ja. Vielen Dank schon mal!“ Und tatsächlich: da liegt eine Götz-George-80er-Jahre-Brille mit rundem Metallrahmen im Blätterwerk. Freudig rufe ich: „Da ist sie!“ Er jauchzt: „Echt? Oh Gott sei Dank! Danke!“ Ich bin erleichtert, dass das wohl doch kein Überfall werden sollte. Während ich das Ding mit spitzen Fingern aus dem Laub hole, erzähle ich ihm, dass ich jetzt selber eine Brille brauche und ganz schön kurzsichtig bin und gerade erst beim Optiker war und jederzeit den Anruf erwarte, dass die Brille fertig sei. Überraschte Ausrufe des Käppi-Typs. „Waaas? Das ist ja jetzt irgendwie lustig!“ Wir beide lachen schallend. Ich reiche ihm strahlend die Brille und auch er strahlt über das ganze Gesicht unter seinem dichten Bart. „So lieben Dank. Das wär jetzt ein schwieriger Nachhauseweg geworden“! Wir winken uns zum Abschied und ich setze mich wieder auf meine Parkbank in Hörweite des CEO.
Der erzählt gerade irgendwas von einer Briefkastenfirma, die er gerade aufgelöst hat. Jetzt geht es wieder um die Bank und das Mega-Innovations-Projekt.
„Haha, ich bin natürlich für alle Gespräche offen! Wir setzen die Leitplanken für den Piloten. Wir bestimmen, wie viele Kunden wir haben wollen. Umso mehr use cases und proof of work wir liefern können, um so besser. Die KI soll helfen, Menschen zum Nachdenken zu bringen. Die KI coacht quasi. Ist besser, sie zum Nachdenken anzuregen, als wenn ich was vorgebe.“
Hm hm, klingt ja eigentlich wieder ganz gut, zum Nachdenken angeregt zu werden. Aber will ich das durch eine KI?
Jetzt zitiert er plötzlich Max Frisch. Das Zitat kenne ich nicht, aber bei dem Namen horche ich auf. Ich bin ein Fan von Max Frisch, seit wir in der 11. Klasse „Homo Faber“ gelesen haben. Allerdings mochte ich das Buch erst, nachdem ich die Verfilmung von Volker Schlöndorff mit Julie Delpy und Sam Shepard gesehen hatte.
„Wir haben uns gefunden, die Wege haben dahingeführt. Jetzt müssen wir schauen, wie wir die Synergien nutzen. Die KI können wir innerhalb von 5 Sekunden auf alle Sprachen der Welt umsetzen. Wir müssen die ganz langsam einführen, um die Kunden mit einer ganz niedrigen Einstiegsschwelle zu enablen –
Oh, ich muss jetzt leider los. Muss zurück ins Office. Hat mich sehr gefreut, Lena! Dann sehen wir uns vielleicht schon nächste Woche in der Schweiz, ich komm dann mal auf einen Kaffee rum. Viel Spaß noch beim Glamping! Tschüss!“
Interessant, das war jetzt ein ziemlich plötzliches Ende. Und Lena (den Namen habe ich natürlich geändert), darf sie sich nun Hoffnung machen auf einen Job oder die Kooperation? Er hat die ganze Zeit von sich erzählt – strange.
Glamping. Heißt, Lena sitzt jetzt gerade in einem Zelt an irgend einem glitzernden schweizerischen See und schaut auf schneebedeckte Berge vor quietschblauem
Himmel. Die Rosensträucher im Rosengarten sind noch kahl. Aber der Himmel überm Weinbergspark ist auch blau. Und die Kugel vom Fernsehturm glitzert glamourös in der Frühlingssonne.
Also am interessantesten fand ich in dem Mitteschnitt-Mitschnitt die Unterbrechung durch den halbblinden Marshall-Kopfhörer-Vollbartträger. Der war irgendwie süß. Wie sah der geschäftige Mann, den Du belauscht hast denn aus? Du hast ihn äußerlich gar nicht näher beschrieben.
Ich weiß, wie der aussah, weil ich diese Typen kenne: Schmalbrüstchen, gegelt, schwarzer Anzug, weißes offenes Hemd, ungeputzte kackbraune gummibesohlte Schuhe, Rucksack, eventuell ein Coffee-to-go mit Hafermilch in der Hand.
Ich höre im Geiste Deinen Papa gerade sagen:“Solche Typen kenne ich aus meinen Projekten. Nur warme Luft und wenn man sie nach konkreten Projekterfolgen fragt, nur denglische Worthülsen und Rumgeeiere. Die waren immer ganz schnell wieder weg aus dem Projekt.“ Ach Leute, … was für ein Wirtschaftsaufschwung uns wohl mit solchen CEO’s und KI zukünftig erwartet…? Halleluja!
😅😂❤️🥰