„Ich bin so froh, dass ich nicht mehr auf den Spielplatz muss mit meinen Kindern“, meinte neulich meine Freundin Mary zu mir. Sie hat Töchter in der Pubertät, da sind Spielplätze „out“ – ganz anders natürlich als bei meiner vierjährigen Tochter. Spielplätze bestimmen seit vier Jahren einen großen Teil meines Alltags. Ach, was rede ich da: schon seit fünf Jahren. Bereits in der Schwangerschaft hing ich auf dem „Blauen Spielplatz“ über dem Weinbergspark herum und beobachtete verträumt und voller Vorfreude die spielenden Familien.
Geschaukelt habe ich allerdings schon immer gerne – auch als Erwachsene, ganz unabhängig von meinem Kind. Deshalb habe ich mein Debütalbum auch „…statt Hollywood schaukeln“ genannt, dessen Cover mich auf einer Schaukel im Mauerpark zeigt. Ich kann außerdem bestätigen, dass es sich im Hühnerkostüm sehr gut schaukeln lässt. Doch vor ein paar Jahren hätte ich nicht im Entferntesten gedacht, dass ich einmal meine Nachmittage und komplette Sonntage zwischen Rutsche, Klettergerüst, Trampolin und Wipp-Ente verbringen würde.
In den ersten zwei Jahren war ich noch motiviert, meinen Kiez zu verlassen und Spielplätze jenseits meiner Mitte-Blase zu besuchen. Hexenspielplatz in Schöneberg. Indiana-Bones-Spielplatz beim Ku’damm. Inca-Spielplatz in Neukölln mit einem Inka-Reich aus vergoldetem Elbsandstein. Pettersson-und-Findus-Spielplatz beim Schloss Charlottenburg. Ich bekam sogar das Buch „Spielplatzguide Berlin: Die genialsten Spielplätze“ geschenkt. Zur Irritation meiner Freundin P., die seit Jahren mit ihrer Tochter zum immer gleichen Spielplatz ums Eck geht und der es nicht im Traum einfallen würde, von Pankow zu einem Spielplatz in Wilmersdorf zu fahren. Sie meinte, man müsse einem Kind Kontinuität bieten – und das ginge eben mit dem immer gleichen Spielplatz.
Mich würde es zu Tode langweilen, jeden Tag dieselben Eltern, dieselben Rutschen, dieselben Wippen und dieselben Sandkästen zu sehen.
Ich fahre nicht kreuz und quer durch die Stadt, um meinem Kind mehr Abwechslung zu bieten, sondern um mich selbst bei Laune zu halten. Denn wenn es nach meiner Tochter ginge, wäre sie jeden Tag auf dem gleichen Spielplatz: dem Blauen.
Dort traf ich mich neulich mit meiner Freundin A. und ihren Kindern. Während die Kleinen spielten, sagte sie zu mir: „Die Eltern hier sind ja fancy.“ Während ich zwischendurch zu meiner Tochter hopste, schaute ich mich um und dachte: ‚Die sind doch gar nicht fancy. Die sind doch ganz normal.‘ Ich stapfte durch den Sand zurück und sagte: „Also ich finde die Eltern gar nicht fancy. Die sind doch ganz normal.“ Daraus entspann sich plötzlich eine hitzige Diskussion.
A. hatte den Eindruck, ich würde mich angegriffen fühlen und den Spielplatz beziehungsweise die Eltern verteidigen wollen. Mir war nur wichtig, die Eltern vom Blauen Spielplatz nicht alle in eine Schublade zu stecken. Zwischendurch sagte sie: „Ich meine ja nicht dich. Du bist nicht fancy. Ich meine die anderen Eltern.“ Aha. Ich bin also nicht fancy?
Übersetzung nach Cambridge Dictionary:
„Fancy (Adjektiv): schick, luxuriös oder aufwendig gestaltet; häufig mit der Konnotation, eher auf Wirkung und Prestige als auf Funktion ausgerichtet zu sein.“
In den nächsten Tagen war unsere sonst so liebevolle Kommunikation etwas gedämpft. Und ausgerechnet in diesen Tagen hatte ich auf dem Blauen Spielplatz plötzlich das Gefühl, nur noch fancy people zu sehen. Wie oft wollte ich A. schreiben – zum Beispiel von dem Vater, der aussah wie ein Hollywood-Star und auf der Bank neben den beiden lateinamerikanischen Nannys seiner Söhne saß und nonstop auf sein Handy starrte. Oder von dem Topmodel, das mal mit Leonardo DiCaprio zusammen war und neben uns mit ihrem Kind an der Rutsche stand. Oder von der Frau mit wallendem Missoni-Kleid und High Heels im Sandkasten. Aber ich konnte A. unmöglich schreiben, wenn ich die Sache mit den fancy Eltern nicht noch weiter aufbauschen wollte.
Ein paar Wochen später habe ich ihr dann doch alles erzählt. Bei einem sehr schönen Abend.
Spielplätze sind Biotope. Oder besser: Labore für Sozialstudien und menschliches Miteinander. Was dort auf Köpfchen gehauen, mit Sand geworfen, geheult und sich wieder vertragen wird – immer wieder herrlich.
Und immer dieselbe Frage, wenn sich Kinder gegenseitig mit Schippen die Köpfchen einschlagen: Einschreiten oder sie das unter sich regeln lassen? Wie ich gerade in dem Ratgeberbuch „Was französische Eltern besser machen“ gelesen habe, greift man in Frankreich eher zu Variante zwei. Die Eltern stehen auch nicht wie ich am Klettergerüst, darüber wachend, dass das Kind nicht von der Hängebrücke fällt. Sie sitzen weit entfernt nonchalant auf einer Bank und genießen das Savoir-vivre. Chapeau!
Apropos Savoir-vivre: Zum Wochenende hin genießen manche Eltern auf den Spielplätzen in unserem Kiez gekühlten Weißwein oder Crémant. Was da für Korken knallen, während die Sprösslinge auf dem Trampolin springen. Freitags wird auf dem Arkonaspielplatz schnell eisgekühlter Schaumwein vom Wochenmarkt nebenan geholt, und der Blaue Spielplatz besticht durch seine Toplage gegenüber der Weinerei.
Sonst dem Wein durchaus zugetan, habe ich es bisher noch nicht über mich gebracht, ausgerechnet auf dem Spielplatz einen zu schnasseln. Nicht ohne ein Fünkchen Neid auf die immer lockerer und fröhlicher werdenden Eltern, die wie Bonvivants lässig über den Bänken hängen. Interessanterweise ist mir Alkoholkonsum während meiner Spielplatz-Feldstudien in anderen Kiezen noch nicht aufgefallen. Vielleicht ist das wirklich nur in Mitte und Prenzlauer Berg so.
Etwas, das ich auf unseren Spielplätzen früh gelernt habe: Man sagt nicht mehr „Lass den Jungen mal rutschen“ oder „Schau mal, das Mädchen möchte auch mal.“ Man sagt: „Das Kind.“ Ja, da bin ich auch schon ordentlich ins Fettnäpfchen getreten, als ich einmal „das Mädchen“ über ein dreijähriges Kind mit langem blonden Zopf und Tüllkleid sagte und die Mutter mich anfauchte, es handele sich um einen Jungen. Seitdem sage ich selbst immer „das Kind“ und komme mir dabei total woke vor.
Umso erfrischender fand ich es gestern, als Jürgen Vogel, der zufällig neben uns an der Schaukel stand, zu seinem kleinen Kind mit Blick zu meiner Tochter sagte: „Jetzt lassen wir mal das Mädchen rauf“.
Spannend ist auch, wie oft Dinge auf Spielplätzen verloren gehen. Und nicht immer sind es Kinder, die fremde Spielsachen einstecken. Ich erinnere mich an eine Mutter mit lautstarkem amerikanischen Akzent, die gegen 18:00 Uhr auf dem Spielplatz am Teutoburger Platz mit einer großen Tasche durch den Sandkasten lief und einfach sämtliches Spielzeug einsammelte. Als ich hinrannte und fast entschuldigend sagte: „Ich glaube, Sie haben gerade unseren Eimer eingesteckt“, entgegnete sie mit erstaunlich dumm-naiver Selbstverständlichkeit: „Whaaat? That’s yours? I didn‘t know that!“
Erst kürzlich überließ unsere vierjährige Kitafreundin N. in der Plansche im Weinbergspark ihren wirklich niedlichen Plastikeimer mit den Fischen darauf zwei älteren Jungs zum Spielen. Der Eimer wurde irgendwo weit hinten abgestellt, die Mutter der Jungs kümmerte sich nicht darum. Am Abend, als alle gehen wollten, war der Eimer verschwunden. Die Jungs-Mutter fragte ein bisschen herum – kein Fische-Eimer mehr. Also gab sie unserer Kita-Freundin und ihrer Mama einen ziemlich abgerockten gelben Sandeimer als Ersatz.
Wir zogen schon in Richtung nach Hause, als plötzlich jemand hinter uns rief. Die Mutter der Jungs. Es habe zu einem dramatischen Ausbruch bei ihren Söhnen geführt, dass sie den gelben Eimer zum Tausch weggegeben habe. Ob sie ihn vielleicht wiederbekommen könne?
Unsere befreundete Kita-Mama händigte den ollen Ersatz-Eimer wieder aus. Und ich dachte mir: Was für ein pädagogisch wertvolles Lehrstück. Drama-Ausbruch? Hier werden Musterbeispiele sozialen Miteinanders herangezüchtet.
Leider ist am selben Abend auch der Plüsch-Aal unserer Kita-Freundin P. zwischen Plansche und Arkonaplatz verloren gegangen. Karl, der Aal. Ihr allerliebstes und wichtigstes Kuscheltier. Falls also jemand Karl, den Aal gesehen hat: Er wird schmerzlich vermisst. Der Fische-Eimer übrigens auch.
Liebe Saskia, ich finde Deine Geschichten immer so spannend und lese sie voller Freude und zum Schmunzeln. Natürlich denke ich bei solchen Sandkasten Stories auch an unsere eigene Kindheit und die meiner eigenen Tochter. Ich denke, das war alles entspannt und wir hatten alle das gleiche Spielzeug. Meines Wissens gab es solche Begehrlichkeiten wie heute nicht. Das wissen aber Deine Eltern. Tja, wie hat sich die Zeit verändert. Durch Deine Geschichten lerne ich doch immer noch dazu, wie das so mit den Kindern ist. Sehr gut, hat mir gefallen 👍 LG von Christel
P.S. gerade eruiert, dass Jürgen Vogel (laut eigenen Angaben in der ARD-Sendung Quizduell vom 1. August 2025 – steht im Wikipedia) sieben Kinder und sechs Enkelkinder hat. Gehen wir mal davon aus, dass Opa Vogel eine kleine Lernschwäche kultiviert, was neue Sprach-Standards anbelangt. Womöglich Alters-Starrsinn(?)
Ich weiß, wovon ich rede, bin ja auch im Seniorenalter und mache aus Gründen der Nostalgie nicht jede Mode mit 🙂
Zu Füßen meines Wohnzimmers ist einer der beiden Spielplätze vom Gipsdreieck. Süße Kinder da unten, goldiges Gekiekse und Geplapper, mehr krieg ich aber nicht mit. Kleinere Kinder rennen gerne die kleine runde Erhebung hoch, die für Skater ist. Wenn ich mal eine Dosis Niedlichkeit brauche, guck ich runter. Dass dort unten oft auch die Korken knallen, liegt aber nicht nur an den Erziehungsberechtigten, kennst ja die Ecke, wo sich seit Corona alle jungen Leute zum Stelldichein mit mitgebrachten Getränken einfinden… 🙂
Als diplomierte Küchenpsychologin kann ich sagen, dass es das Spannendste ist, was ich über kleine und große Menschen gelesen habe. Und da ich keine Kinder habe, muss ich voller Neid zugeben, dass ich einen wichtigen Teil meines Diploms ausgelassen habe. Da ich auf Weiterbildung stehe, werde ich jetzt regelmäßig auf Spielplätze gehen und kleine und große Menschen beobachten. Als Frau geht das doch auch ohne Kind, oder? Was meinst du? Ich kann aber auch versuchen, mit euch mitzugehen? Klasse! Klasse Bericht, klasseres Foto!