„Mama? Coco, Lina und Fiona sagen immer zu mir, dass ich ein Popel bin!“ offenbart mir meine vierjährige Tochter abends mit traurigen Augen. Die drei genannten Mädchen sind die ältesten und größten in der Gruppe und mittlerweile zu den „It-Girls“ aufgestiegen.
Wenn man morgens die Kita-Garderobe betritt und froh ist, das Kind halbwegs pünktlich gebracht zu haben, kommen die drei in ihren Tüllkleidern und mit ihren Prinzessinnen-Haarreifen schon durch den Gang gerannt und nieten einen um. Die Anführerin von ihnen, Coco, fragte mich neulich herablassend: „Warum kommt ihr immer so spät?“
In dem Moment fiel mir nur als Antwort ein: „Warum bist du immer schon so früh da?“ – aber ich dachte es mir nur.
Ich frage meine Tochter: „Und was sagst du zu den dreien, wenn sie dich Popel nennen?“
Kind: „Nichts.“
Ich: „Hm. Du könntest ja zum Beispiel sagen: ‚Wenn ich ein Popel bin, dann seid ihr drei große Popel.‘ Weißt du, es ist oft gut, mit Humor zu reagieren.“ (Wenn sie älter wäre, würde ich sagen: „Die beste Waffe ist Humor“. Aber einer Vierjährigen möchte ich nicht mit Waffen kommen.)
Kind (mit verzweifelter Stimme): „Aber sie SIND KEINE Popel!“
Ich: „Und was sind sie dann?“
Kind (im Brustton der Überzeugung): „Sie sind Prinzessinnen!“
Ich starre sie ungläubig an. Oh mein Gott. Die Infiltration hat bereits begonnen.
Ich muss dagegen steuern.
Ich: „Du bist selber eine Prinzessin. Eine schlaue und starke Prinzessin. Auch Paula! Ihr beide seid starke, schlaue und mutige Prinzessinnen. Und ihr seid freundlich.“ Paula ist die beste Freundin meiner Tochter. Ein halbes Jahr jünger.
Ich sehe, wie sie nachdenkt. Ich bin stolz auf mich, dass ich auf pädagogisch wertvolle Art den It-Girls etwas entgegensetzen konnte. Und ich habe ihre beste Freundin gleich mit ins Boot geholt. Zwei gegen drei – klingt machbar.
Doch ein paar Minuten später sagt sie sinnierend: „Mama, wenn ich größer bin und wenn ich dann Coco‘s Freundin bin, dann werde ich auch zu Paula sagen, dass sie ein Popel ist.“
Ich erstarre. Bin erschüttert. Mein Kind will selber dissen. Ihre geliebte Freundin. Das darf ich nicht zulassen. Dieses Kränkungen-Weitergeben. Dieses Nach-unten-Treten – und ja, Paula ist auch noch jünger. Ich muss die dunklen Mächte mit meinem Schwert zurückschlagen.
Und ich kämpfe an der Seite von Paula. Ich werde nicht zulassen, dass mein Kind sich auf die bitchy Seite ziehen lässt. Ich frage sie ruhig, ob sie möchte, dass Paula traurig ist. Sie schweigt.
Seitdem lässt mich eine Frage nicht mehr los: Wann fängt das eigentlich an? Dieses Dazugehören-Wollen. Dieses Sich-Anpassen. Auch dann, wenn man innerlich merkt, dass es nicht ganz stimmt.
Ich war neun und hatte eine vierköpfige Band gegründet. Wir probten auf Betonplatten mit Eisendrähten auf einer Baustelle im Neubauviertel, in dem wir aufwuchsen. Ich war die Sängerin, und die zwei Jungs und das andere Mädchen sangen im Background und machten Percussion auf Kochtöpfen und mit den Steinen, die da so rumlagen.
Irgendwann machte sich Unmut breit, weil es natürlich echte Instrumente brauchte. Ich hielt die Truppe bei Laune, indem ich behauptete, wir hätten zu Hause im Keller ein echtes Schlagzeug. Was natürlich nicht stimmte.
Es kann anstrengend sein, eine Gruppe zusammenzuhalten.
Vor ein paar Tagen hatte ich passenderweise ein Seminar zum Thema „Gruppendynamik“. Erkenntnis: Es bedarf für jedes Mitglied einer Gruppe einer gewissen Anstrengung, die eigene Rolle auszufüllen. Und in einer anderen Gruppe ist man plötzlich jemand anderes.
Ich schaue meine Tochter an und frage mich, was ich ihr eigentlich mitgeben will.
Dass sie dazugehört?
Oder dass sie sich treu bleibt?
Am liebsten beides.
Sich nicht klein machen – aber auch niemanden kleiner.
Ist ja irre, was in der Kita schon abgeht.
Gemeinsamkeiten finden, sagen wir ja immer, und auf eigene Stärken bauen, du weißt ja, wo wir das sagen.
Hier reicht ein P:
Prinzessinnen, Popel, Paula.
Sie kann sagen, sie hat Papa gefragt (fängt ja auch mit P an), wie er Popel findet. Er sagte, gar nicht gut. Pippi ist besser.
Deswegen will sie lieber Pippi sein.
Zack! Stärker!
Ich sag dir, dealen ist heute alles. 😀
😀
😀
Ich weiß, aber ich träume ja gerne.
Bin echt irritiert davon, dass im kleinen Kopf vom Töchterlein der Gedankengang entstand, Anführerin „Prinzessin“ Cocos Freundin zu sein, wäre so erstrebenswert, dass dafür das Opfer gebracht werden müsste, auf Paula anzupöbeln. Dass sie zum Club der Alphatiere gehören will, kann ich noch verstehen, aber wieso Paula „opfern“? Krass. Man denkt an eigene Kindheitscliquen-Erfahrungen zurück. Ich war immer eine der Schüchternsten, wurde oft aufgezogen (Kinder finden immer was, vor allem körperliche Defizite wie abstehende Ohren, Zahnlücke, zu groß, zu dünn, zu klein, zu dick). Es gab da auch in der Grundschule eine Clique von drei, vier Mädels aus meiner Nachbarschaft, wir hatten denselben Schulweg, daher viel gemeinsame Zeit und zwei der vier waren so Oberbestimmerinnen, die entschieden, mit wem sie verkehren. Zuerst haben sie mich ignoriert, auch gehänselt, dann plötzlich wurde ich gnädigerweise auserkoren, ab und zu doch mitzuspielen. Ich war körperlich die Größte und eben auch einfach da. Die Hellsten waren die vorlauten Alphatiere in der Clique nicht, aber sie strahlten eine gefährliche Aggressivität aus, da wollte man nicht auf der Feindes-Seite stehen. Unheimlich waren sie mir manchmal, aber auch interessant, weil frühreif. Es hieß dann später einmal, dass eine der beiden den Werdegang der Prostituierten wählte. Oh je. Aber natürlich nichts gegen Sex-Arbeiterinnen, nö nö… 🙂 Ich weiß nicht, was aus den kleinen Bestien geworden ist, ihre Namen kann ich nicht mal im Internet finden, vielleicht haben sie ihren Mädchennamen mit Eheschließungen ausradiert.
Danke liebe Gaga für Deinen offenen Kommentar. Dieses „Krass“ – das war ehrlich gesagt auch mein erster Impuls.
Mich hat daran so beschäftigt, wie früh dieses Denken einsetzt: dazugehören zu wollen – und gleichzeitig zu spüren, dass es manchmal auf Kosten anderer geht.
Und ich ertappe mich dabei, wie ich sofort innerlich in den „pädagogischen Krisenmodus“ schalte und im nächsten Moment denke: Vielleicht ist das in dem Alter auch einfach Teil des Spiels.
Deine Schilderung aus Deiner eigenen Kindheit kann ich gut nachempfinden. Oh ja, die Hellsten waren die oberlauten Alphatiere in meiner eigenen Cliquenerfahrung auch nicht ☺️ Dieses Schwanken zwischen Faszination und Unbehagen kenne ich gut. Dieses „eigentlich will ich da gar nicht dazugehören“ und gleichzeitig eben doch nicht außen stehen wollen.
Umso mehr bleibt für mich die Frage, wie wir Räume schaffen können, in denen Zugehörigkeit nicht über Abwertung funktioniert – im Großen wie im Kleinen.