Als ich kürzlich auf dem Weg zum Sport auf die S-Bahn wartete, stand plötzlich U. vor mir.
Er wohnt in meiner Straße, ist Rentner, um die 70 und Stammgast im Café meiner Freundin Maria. Wir tauschten uns darüber aus, wohin es des Weges ginge.
Er: „Ich fahre nach Schlachtensee.“
Ich: „Oh wie schön!“
Er: „Und du?“
Ich: „Zum Sport. In der Friedrichstraße.“
Er: „Auch schön!“ Was so offensichtlich geheuchelt war, dass wir beide lachen mussten.
Dann erzählte er mir vom Grund seines Ausflugs zum anderen Ende der Stadt. Er wollte seine „älteste Freundin“ treffen. Seit 55 Jahren kannten sie sich. Seine Augen leuchteten. Und plötzlich verstand ich, warum er so verändert wirkte: schwarze Lederjacke, schnittige Jeans, statt Pudelmütze eine lässige Strickmütze.
Sie seien im selben Ort aufgewachsen, hätten sich mit 16 Jahren ineinander verliebt, dann hätten sich ihre Wege getrennt. Andere Partner, andere Leben, irgendwann beide in Berlin, zwischenzeitlich sogar zusammen gewohnt, dann wieder Wege getrennt, sie ein Kind bekommen, er wieder eine Partnerin, doch nie ganz aus den Augen verloren. Nun waren beide Rentner und am Schlachtensee verabredet.
Ich musste an meine erste Liebe denken. Ich war 15 und verliebte mich in einem Krankenhaus auf der schwäbischen Alb, wo ich fernab meiner Familie an der Hüfte operiert wurde, in Tobi. Er war 19, Zivildienstleistender, hatte lange braune Haare, trug einen weißen Pflegerkittel und spielte in seiner Freizeit Gitarre in einer Heavy Metal-Band.
Zwischen Krücken-Spaziergängen über den Klinikflur und heimlichen Küssen in der Bettenzentrale wurden wir ein Paar. Daraus entstand eine neunmonatige Fernbeziehung – 300 Kilometer lagen zwischen uns. Jedes zweite Wochenende fuhr Tobi mit seinem kleinen weißen Renault zu mir nach Hause bei Frankfurt.
Mit meinem ersten Freund – älter, mit Auto, langen Haaren und schwarzer Lederjacke – stieg auch mein Ansehen in der Schule. Plötzlich fühlte ich mich selbstbewusster. Deshalb begann ich, mich figurbetont zu kleiden – oder war es umgekehrt?
Ich erinnere mich an „Pärchen-Abende“, zu denen ich mit Tobi von Klassenkameradinnen eingeladen wurde, die ebenfalls einen Freund hatten. Dann saß man zu viert oder sechst in irgend einer sturmfreien Bude im Taunus, trank Alcopops, knabberte Chips und Flips zu den „BRAVO Hits“ und spielte Tabu oder Activity. Wir fühlten uns so richtig erwachsen.
Auch musikalisch färbte Tobi auf mich ab: Statt Mariah Carey und Dancefloor schallten nun Grunge und Metal aus meinem Kinderzimmer.
Doch unser Stern begann zu sinken, als ich Tobi ein paar Mal kurzfristig absagte. Das kann rückblickend nur übers Festnetztelefon gewesen sein, denn ein Handy hatte ich mit 16 noch nicht und Internet kam erst später.
Warum sagte ich ihm ab? Ich musste Mathe lernen. Ich hatte diesen schrecklichen Mathelehrer, der mir das Leben zur Hölle machte. Wegen ihm stand ich in der 10. Klasse in Mathe auf der Kippe. Und die Wochenenden wollte ich nutzen, um zu lernen. Tobi verstand nicht, warum ich die gemeinsamen Wochenenden sausen ließ, obwohl er sich extra freigenommen hatte.
Es folgten erste Beziehungskrisen, tränenreiche Gespräche im Park hinter unserem Reihenhaus.
Wie genau die Trennung verlief, hatte ich lange verdrängt. Erst meine Mutter erinnerte mich kürzlich daran. Es gab zum Schluss ein Wochenende, an dem meine Eltern mich zu Tobi in die Schwäbische Alb fuhren und sich sogar ein Hotelzimmer nahmen. Es sollte wohl darum gehen, dass wir unserer Beziehung nochmal eine „Chance“ geben und uns aussprechen wollten. Stattdessen trennte er sich dort auf einer Party von mir.
Ich erinnere mich nicht an das Gespräch. Aber an die Einsamkeit, die ich auf der Party spürte. Das Gefühl, fehl am Platz zu sein. Nächtliche Autofahrten auf der Alb, ich die Jüngste, die anderen rauchend und trinkend. Daran, dass ich am liebsten aus dem fahrenden Auto gesprungen wäre. Daran, dass ich mir nachts um drei Uhr in seiner Wohnung eine große Packung Miracoli kochte.
An das tieftraurige Gespräch mit meinen Eltern im Hotel erinnere ich mich ebenfalls nicht mehr. Und doch sind es vor allem die schönen Momente, die geblieben sind. Sie laufen in meiner Erinnerung wie ein Vignetten-Film ab. Neun Monate kamen einem damals vor wie eine Ewigkeit.
Psychologisch ist das nachvollziehbar: Für junge Menschen vergeht Zeit subjektiv langsamer, weil ein Jahr einen viel größeren Anteil ihres bisherigen Lebens ausmacht.
Gleichzeitig speichern Gehirn und Erinnerung erste intensive Liebeserfahrungen besonders tief ab. Hohe Dopamin- und Oxytocin-Ausschüttung und die zahlreichen emotionalen „Premieren“ sorgen dafür, dass sich diese Gefühle außergewöhnlich stark einprägen.1
Vielleicht vergessen wir unsere erste Liebe nie ganz, weil sie weniger eine Person war als der Moment, in dem unser Herz zum ersten Mal seine Weite und Tiefe spürte.
Ich bin gespannt, wie das Date mit der Jugendliebe am Schlachtensee für U. gelaufen ist. Vielleicht frage ich ihn beim nächsten zufälligen Treffen auf der Straße.

Du hast die verständnisvollsten und liebevollsten Eltern. Wow!
Ganz viele Grüße und ganz große Komplimente!
(Und nebenbei noch das vermerkt: Dass du Mathe der Liebe vorziehst, das hätte ich jetzt bei dir auch nicht gedacht. Sehr überraschend :D)