Anders als meine große Schwester habe ich überhaupt kein Talent für Handarbeit. In der Grundschule hatte ich im Fach „Nadelarbeit“ mit Mühe und Not eine „3“ und auch heute kann ich nicht mal einen Knopf annähen. Deshalb war ich von mir selbst überrascht, als ich mir zu Weihnachten von meinem Freund ein „Anfänger-Strickset“ für Kinder wünschte.
Für „Kinder ab 8 Jahren“ mit extra dicken Bambusnadeln und flauschiger Polyesterwolle für einen Kinderschal. Mit der beigefügten, detaillierten Anleitung würde ich das schon irgendwie schaffen, dachte ich mir. Plug and play. Wenn das sogar Kinder hinkriegen sollen…
Ich stellte mir romantisch vor, wie ich gleich am zweiten Weihnachtsabend den Schal für meine Tochter stricken würde.
Ich scheiterte schon bei dem Versuch, die ersten Maschen anzulegen. Weder die Kinder-Anleitung noch YouTube-Videos noch ChatGPT konnten mir helfen.
Es war rührend, wie Chatty versuchte, mich zu motivieren: „Dein Gehirn lernt gerade eine komplett neue Bewegungskombination. Ich begleite dich da durch. Wir kriegen das wirklich hin. Du schaffst das 🧶✨“ Und, total lieb: „Du bist nicht ,zu blöd’ für Stricken (das denkt man an dem Punkt schnell). Du bist exakt an der Stelle, wo Hand + Auge + Technik sich noch nicht kennen. Das ist wie beim Klavierspielen am Anfang.“
Aber es half alles nichts. Der 2. Weihnachtsfeiertag endete dramatisch mit Tränen und Wutausbrüchen. Das Strickset landete im Schrank.
Bis Ostersonntag. Meine Schwester hatte mir vorgeschlagen, mich auf unserem Familienfest in die Strickkunst einzuweihen. Sie zeigte es mir und bewies eine Engelsgeduld, als ich mit zittrigen Fingerchen versuchte, die flauschige Polyesterwolle Masche für Masche über die Nadeln zu ziehen.
Nachts hatte ich bereits ein Drittel des Schals gestrickt. Zwei Tage später waren mir ein paar Fehler unterlaufen und meine Schwester kam angefahren, um mir zu helfen. Hoch motiviert strickte ich weiter – bis ich am folgenden Abend die gleichen Fehler machte. Immer wieder.
Ich war wütend auf mich selbst, räufelte die betreffenden Maschenreihen auf. Die wurden aber nicht schöner und ich riss tobend die Wolle von der Nadel und löste den halben Schal auf. Mein Freund konnte mich in letzter Sekunde davon abhalten, das Ding aus dem Fenster zu werfen.
Ich war traurig und frustriert über die vergebene Mühe meiner Schwester und die ganze Arbeit, die umsonst war. Ich schrieb ihr am nächsten Morgen reumütig, was ich getan hatte. Sie schickte mir tröstende, aufbauende Worte und erinnerte mich daran, dass Fehler zum Lernen dazugehören. Am gleichen Tag kam sie wieder zu mir, um mir zu helfen. Sie erklärte mir die Fehler und unter ihrem geduldigen Auge stellte ich das zerstörte Schalstück wieder her.
Seitdem hat mich die Sucht gepackt, Maschen zu stricken.
Apropos Sucht. Ich glaube, mit Stricken kann man sich das Rauchen abgewöhnen. Ab-Aschen mit zwei Nadeln und Wolle in den Händen ist nicht möglich. Vergilbte Wolle will man auch nicht. Also müsste die Kippe permanent im Mund bleiben und das Ab-Aschen über die Nasenflügel laufen. Stelle ich mir schwierig vor.
Alkohol trinken beim Stricken ist auch nicht möglich. Abgesehen von den beschäftigten Händen will man ja auch keinen Rotwein über die Wolle kippen. Und man braucht einen klaren Geist – einmal angeschickert oder gar eingepennt, hat man schnell ein Loch im Maschenwerk.
Stricken hat ein erstaunliches Rebranding hinter sich. Lange bevor die Gen Z „grandma hobbies“ für sich als cool entdeckt hat, war es in Hollywood längst en vogue – bei Sarah Jessica Parker oder Ryan Gosling zum Beispiel. Stelle mir vor, ich sitze bei Dreharbeiten in Hollywood in meinem Trailer und stricke einen wallenden Cardigan. Hach!
Soweit ist es bei mir noch nicht. Ich merke aber, wie beglückend es ist, mal wieder was komplett Neues zu lernen. Ja sogar etwas, für das man eigentlich kein Händchen hat.
Und gesund ist es wohl auch. Wenn man das Gehirn mit ungewohnten Aufgaben herausfordert, entstehen neue Nervenbahnen – ein neurologischer „Boost“. Beim Stricken werden sogar mehrere Hirnsysteme gleichzeitig aktiviert. Neurowissenschaftlich ist Stricken also ein Ganzhirntraining.
Die nachweisliche Dopaminausschüttung merke ich daran, dass ich immer wieder eine neue Masche stricken will und mich, ohne es zu bemerken, in einem Flow-Zustand befinde.
Stricken ist quasi Meditation mit Ergebnis direkt vor der Nase. Nicht schlecht!
Mein erstes Projekt ist längst fertig und ich sitze bereits an den nächsten Schals für Plüschtiere, Freunde und Familie. Hoffentlich gibt es jetzt im Frühling wieder einen Wintereinbruch. Eine lange Schafskälte wäre ideal. Meine Werke wollen getragen werden.
Ich habe innerhalb einer Woche etwas komplett Neues gelernt, das mich beglückt. Nicht mit einer Bedienungsanleitung, nicht mit Online-Videos oder gar mit einer KI, sondern mit Hilfe eines Menschen: Meiner großen Schwester. Danke, Daphi!
Meinen Segen hast Du! Solange Du keine kratzigen Sachen strickst oder so eine komisch farblich melierte, komplett unflauschige Kunstfaser- Wolle in Dunkelrot und Rosa nimmst, wie ich sie mal um 1975 aufgedrückt bekam, um eine (superhässliche) Mütze (rundgestrickt mit mehreren Nadeln und hässlichem Zopfmuster am Rand) in der Schule im Handarbeitsunterricht zu stricken. Gehäkelt hab ich aber immer gerne, da konnte man nur eine Masche verlieren und sexy Bikinis mit kessem Lochmuster fabrizieren 🙂
Ach so, tolles Foto, btw. Wunderschön!
Das glaube ich jetzt nicht. Wir haben nicht darüber gesprochen, aber ich habe auch mit Stricken geliebäugelt (ich kann es aber gut, ist nur so lange her), weil ich immer an dem Laden IDEE hier vorbeigehe und das ständig sehe. Hinzu kommt, dass ich Sneakers in der Farbe Lila besitze (schon sehr lange), aber die zu nichts passen. Ich finde auch in dieser Farbe keinen Schal, kein Tuch, nichts. Also, dachte ich letztens: Mensch, ab zu Idee, Wolle und Stricknadeln kaufen und einen Schal in der Farbe stricken. Habe ich bisher nicht gemacht und gerade gestern, als ich wieder daran vorbeiging, dachte ich: Ach, jetzt ist auch zu spät, ist ja Sommer, da trägt man doch keinen Schal. Aber nach deinem Post hier: Ich mache das. Gleich heute. Das ist ja irre!!!!
Ich habe früher übrigens alles selbst genäht und selbst gestrickt. Ich erinnere mich, dass ich sogar eine „Strickmaschine“ gekauft hatte, weil alle meine Freundinnen meine Pullis so schön fanden und auch welche wollten. Und mit dieser Strickmaschine ging es schneller. Was für schöne Erinnerungen. Jetzt muss ich mal schauen, ob ich das noch kann. Heute wird die lila Wolle gekauft. Große Freude! Danke für diese Motivation! <3 <3 <3