Neulich sonntags kam meine Freundin Maria aus Charlottenburg zu Besuch. Wir machten einen Spaziergang durch den Kiez und einen Abstecher in die Zionskirche. Maria war noch nie dort und begeistert von der klaren Schönheit, die man für protestantische Verhältnisse fast großzügig nennen könnte.
Wir lauschten dem Spiel des Organisten, während die Sonne durch die Fenster des Hauptschiffs fiel und den Altarraum in ein magisches Licht hüllte. Maria zeigte freudig auf die beiden Symbole an den Fenstern: „Alpha und Omega! Der erste und der letzte Buchstabe des altgriechischen Alphabetes. Sie stehen für den Anfang und das Ende.“ Maria hat griechische Wurzeln.
Seitdem denke ich wieder darüber nach, wie sehr Berlin eine Stadt der Anfänge und Enden ist. Menschen kommen hierher, um neu anzufangen. Menschen ziehen hier weg, um was hinter sich zu lassen. Nach Brandenburg. Oder Lübeck. Oder die hessische Heimat. Beziehungen beginnen. Freundschaften entstehen in einer einzigen Nacht. Cafés eröffnen und schließen wieder. Clubs verschwinden. Häuser werden saniert, entmietet, verkauft. Kaum etwas scheint dauerhaft. Und mittendrin steht die Zionskirche — als hätte sie all das schon tausendmal gesehen.
Die Zionskirche ist für mich ein besonderer Ort. Ich erinnere mich an nächtliche Gespräche mit Freundinnen auf den Parkbänken ringsum die Kirche. Mit Wein und Zigaretten, nicht erst seit den Lockdowns.
Sieben Monate lang wurde ich morgens von den Kirchglocken geweckt und blickte direkt auf das Seitenschiff. Wegen eines Wasserschadens hatten wir das Glück im Unglück, eine Wohnung gegenüber der Kirche zu beziehen. Meine Tochter war damals ein Jahr alt. Noch heute mit vier sagt sie manchmal, dass wir früher „in der Zionskirche gewohnt haben.“
Zum Jahreswechsel stand ich auf dem Balkon und sah das Feuerwerk überm Kirchturm aufsteigen. Kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sang ich dort vor dem Altar auf einem Friedenskonzert, organisiert von der Volkssolidarität Berlin. Das war kurz nach Kriegsbeginn und auch vier Jahre später ist kein Ende in Sicht.
Vielleicht berührt mich dieser Ort auch deshalb so sehr, weil hier so viele Geschichten von Haltung und Menschlichkeit zusammenlaufen.
Die Zionskirche war eine der wichtigsten Wirkstätten des Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906–1945). Als frisch ordinierter Pfarrer übernahm er 1931 hier eine Konfirmandengruppe mit 50 Jungen aus schwierigsten sozialen Verhältnissen. Kaum vorstellbar, dass die Gegend rund um den Zionskirchplatz damals zu den ärmsten und heruntergekommensten Vierteln Berlins gehörte.
Um für die Jungen erreichbar zu sein, zog Bonhoeffer aus dem wohlhabenden Grunewald hierher. Er besuchte alle Familien, spielte mit den Jungen Schach, brachte ihnen Englisch bei und machte Ausflüge mit ihnen. Hier lebte er bereits sein später berühmtes Credo: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“
Jedes Mal, wenn ich die Kirche betrete, gehe ich zuerst nach links zu dem großen Foto von Bonhoeffer und staune über diesen Mann, der später vor allem durch seinen Widerstand gegen das NS-Regime bekannt wurde.
Auch in der DDR wurde die Zionskirche zu einem Ort des Widerstands. Mitte der 1980er Jahre trafen sich oppositionelle Gruppen in den Gemeinderäumen. Von dort gingen wichtige Impulse für die Friedliche Revolution von 1989 aus.
Die Tram 12 biegt aus der Kastanienallee kommend und schlängelt sich am Zionskirchplatz entlang. Ihr Bimmeln verschmilzt mit einer Fahrradklingel.
Vor mir steht A., eine liebe Schauspielkollegin. Frisch vom Friseur und völlig im Stress. Zu Hause muss sie ein kurzfristiges E-Casting für einen Werbespot machen. Zum Glück habe sie ebenso kurzfristig noch einen Termin bekommen, um ihre Ansätze färben zu lassen.
E-Castings machen wir Schauspieler📽️innen meistens zu Hause mit dem Handy. Eine Praxis aus Lockdownzeiten, die geblieben ist – schließlich spart man sich Studiomieten, Personal und kann noch mehr Leute casten.
A. schimpft, dass das alles kein Ende nehme mit den E-Castings. Sie würde so gerne mal wieder in ein richtiges Castingstudio gehen. Mit echten Menschen. Mit einer Casterin oder Regisseurin, die einem Anweisungen gibt. Die Deadline sei heute Mitternacht. Das bringe aber herzlich wenig, denn filmen müsse man sich ja bekanntlich bei Tageslicht. Ehe sie das Handy auf dem Stativ eingerichtet, das Ringlicht aufgebaut und den bescheuerten Text gelernt habe, sei die Sonne längst weg. Die einzige neutrale Wand ihrer Wohnung liege nämlich Richtung Norden.
Außerdem wüssten sie mal wieder nicht, wen sie eigentlich wollten. Spielalter 25 bis 55, offen für alle Looks. Auf den Moodbildern, also den Stimmungsskizzen für den Spot, sähen die Frauen allerdings komplett anders aus als sie. Wenigstens werde die Rolle diesmal mit einer Frau besetzt. Man müsse ja inzwischen sogar bei manchen Frauenrollen mit Männern konkurrieren. Wir lachen und ich wünsche ihr gutes Gelingen. Dann schwingt sich A. aufs Fahrrad und braust Richtung Griebenowstraße davon.
Ich erinnere mich an ein eigenes E-Casting vor einiger Zeit. Ebenfalls für einen Werbespot. Spielalter 25 bis 65. In den beigefügten Moodzeichnungen wurde für „meine“ Rolle ausgerechnet Reinhold Messner dargestellt. Ja genau, der über 80-jährige Bergsteiger.
Ich weiß bis heute nicht, wer die Rolle bekommen hat.
Apropos Messner. Die Zionskirche steht auf der einst höchsten natürlichen Erhebung Berlins. Man kann 104 Stufen auf den Turm hinaufsteigen. Oben soll man einen fantastischen Blick über Mitte und Prenzlauer Berg haben.
Ich wohne seit über zwanzig Jahren im Kiez und habe es bis heute nicht dort hinauf geschafft. Das werde ich jetzt endlich tun. Es ist nie zu spät für einen Anfang.

Sehr schön geschrieben und beschrieben. Voller Liebe und Gefühl. Dein Beitrag öffnet mir die Augen für etwas, das ich kenne aber nicht kannte
Das ist so schön, da fehlen mir tatsächlich ein bisschen die Worte 😉 Vielen lieben Dank. Das berührt mich sehr.
Die Turmbesteigung hab ich mir auch schon mal vorgenommen und wieder vergessen…
Es gab mal eine RBB-Sendung in der – glaub ich – Bettina Rust Sandra Maischberger besuchte und Maischberger zeigte Rust ihre Lieblingsecken ihrer Wohngegend, da waren sie oben auf dem Turm, war eine windige Angelegenheit. War ja eine toll gelegene Ausweich-Wohnung, vor allem Balkon mit Blick in Baumwipfel…! Empfehlung von mir in Sachen Aussichtspunkte: der Kuppelrundgang vom Berliner Dom und der Kuppelrundgang vom Französischen Dom. Aber mit einer guten gekühlten Flasche nach oben, gerade auf dem Französischen Dom erhebend, wenn das Carillon, das Glockenspiel zur vollen Stunde die Melodie spielt, himmlisches Erlebnis, so nah an den donnernden Glocken zu stehen.
Oh ja, die Begeisterung für die beiden Dom-Türme auf dem Gendarmenmarkt teile ich mit Dir! Ich habe früher in der Nähe gewohnt und es tatsächlich öfter geschafft, dort hochzuklettern. Besonders der Französische Dom hatte es mir damals angetan — und das sogar ohne gut gekühlte Flasche 😉 Was für eine schöne Idee! Wie schade, dass es die Galeries Lafayette ums Eck nicht mehr gibt. Dort hätte man sich noch perfekt mit Proviant eindecken können.
Danke auch für den Tipp mit der rbb-Sendung — die recherchiere ich mal. Und ja: Die Ausweichwohnung gegenüber der Zionskirche war wirklich ein kleiner Glücksfall. Dieses morgendliche Aufwachen mit Blick in die Baumwipfel und direkt auf die Kirche hatte etwas Magisches.
Da hört man das Glockenspiel vom Französischen Dom, hab es mit der Kamera beim Glockenturm hochsteigen aufgenommen, war eine tolle Überraschung, hatte nicht auf die Uhr geguckt und war nicht drauf gefasst!
Die Sendung mit der Zionskirchturmbesteigung von Maischberger und Rust war „Stadt, Rad, Hund“, 1. Staffel, Folge 5 von 2013 – leider in keiner Mediathek zu finden. Von anderen Folgen gibt es ein paar Schnipsel auf youtube, aber nicht von dieser mit Maischberger.