Sicherlich kennt der eine oder die andere das Gefühl, wenn man mal außer Landes war und zurück kommt nach Berlin und schon nach fünf Minuten am Flughafen das Gefühl hat, man will sofort umkehren, weil einem eine Welle schlechter Laune und missmutiger Gesichter entgegen schwemmt. So ging es mir besonders nach einem Urlaub in London, wo es ja auch nicht viel wärmer und heller ist – aber die Menschen anscheinend mehr Sonne in sich tragen.
Man muss auch nicht das Land verlassen: Selbst nach einem Aufenthalt in Neuharlingersiel, Seitenroda oder Bottrop kann sich zurück in Berlin ein dunkler Schleier auf das erhellte Gemüt legen.
Aber man gewöhnt sich schnell wieder ein. Keift zurück, wenn der Busfahrer einem die Tür vor der Nase schließt. Schimpft über Touristen, die direkt hinter der Rolltreppe stehen bleiben und Google Maps studieren. Runzelt mit den Augen zum Kellner im Lokal auf der Kastanienallee, der behauptet, dass ausgerechnet heute das Kartenlesegerät kaputt sei.
Auch im Berlin umschließenden Brandenburg wird man nicht mit Freundlichkeit überhäuft. Es bringt also gar nichts, ins Umland zu fliehen, wenn man meint, es werde nun alles idyllischer. Die höchste Grimmigkeitsdichte herrscht meiner Erfahrung nach in Spätis, die gleichzeitig Postfiliale sind. Die Verkäufer hängen lustlos hinterm Tresen und sind beleidigt, wenn sie in den vollen Regalen eine Sendung raussuchen müssen.
Das alles finde ich völlig ok, ist meine Heimat, bin ich gewöhnt. Deshalb war ich irritiert, als ich zum ersten Mal von der freundlichen Verkäuferin in dem Bäcker um die Ecke bedient wurde. „Einen schönen guten Tag!“ begrüßte sie mich mit strahlendem Lächeln. Die Stimme auf „Tag“ nach oben. „Was darf‘s denn sein?“ Die Stimme auf „sein“ nach oben.
Perplex bestellte ich den Kuchen. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“
Stimme auf „Tag“ nach oben und noch stärker betont. Was für eine Ausgeburt an Freundlichkeit. Was für ein Leuchtturm auf rauer See. Ich war begeistert und schwebte die Straße entlang. Plötzlich tauchten Kindheitserinnerungen auf an die ersten Urlaube am Bodensee oder in Bayern. Was für freundliche Menschen dort!
Ich war seitdem oft in dem Bäcker einkaufen, aber meine anfängliche Begeisterung über solch geballte Liebenswürdigkeit wich schnell dem Argwohn, ob diese wirklich echt sein kann. Denn sie spricht mit allen so. Irgendwann fragt man sich, ob sie eine Mission verfolgt.
Neulich traf ich auf einer Party im fernen Steglitz meinen Bekannten M., der in meinem Kiez wohnt. Irgendwann kamen wir auf unseren Stamm-Bäcker und sofort auf dieselbe überfreundliche Verkäuferin. Er meinte, dass ihm diese Freundlichkeit suspekt sei und dass er sie für einen Roboter halte. Und dass seine Freundin das genauso sehen würde. Und dass sie schon oft gerätselt hätten, ob sie irgendwelche Drogen nimmt, um dermaßen gut gelaunt zu sein. Kurz darauf traf ich meine Straßennachbarin J., die von der besagten Bäckerei kam. Auch sie war überzeugt, dass die Verkäuferin ein Roboter sein müsse, programmiert auf übertriebene Freundlichkeit. Wenig später lief ich meinem alten Bekannten T. in die Arme, der gerade zum selben Bäcker wollte und lachend meinte, diese Frau werfe sich doch bestimmt irgendetwas ein.
Seit diesen zufälligen Gesprächen über die wohl freundlichste Bäckereiverkäuferin Berlins denke ich darüber nach, wie irritiert uns Freundlichkeit inzwischen macht. Dass sie einem so suspekt ist, dass man eher Pillen-Konsum oder KI dahinter vermutet.
Ich wollte mir gestern Nachmittag nochmal eine Meinung bilden für diese Kolumne, nachdem mein Freund morgens bei ihr Croissants geholt hatte. Kaum hatte ich den Laden betreten, strahlte sie mich an: „Guten Tag! Was darf‘s denn sein?“ (Stimme nach oben auf „Tag“ und auf „sein“). Ich: „Ich hätte gerne drei Croissants.“ Und dann beschloss ich, das Programm durch kleine Änderung auf Spontaneität zu testen. „Mein Freund hat heute früh schon bei Ihnen Croissants gekauft und die waren so lecker, dass ich auch nochmal zuschlagen will.“
Sie: „Oh! Wie schön!“ (Stimme nach oben auf „Oh“ und „schön“) Und beim Aushändigen: „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“ (Stimme nach oben auf „Tag“).
Als ich draußen auf der Straße war, hörte ich den gleichen Wortwechsel und die gleiche Intonation mit einem anderen Kunden. Mich beschleicht seitdem das Gefühl, dass es ihre bedingungslose Mission ist, dem grauen Alltag Freundlichkeit entgegenzusetzen. Sie ist ein freundlicher Roboter. Aber vielleicht braucht diese Stadt genau solche Roboter.