Am frühen Abend bin ich mit der Tram von Pankow nach Mitte unterwegs. Zwei Frauen auf der anderen Fensterseite lassen ihre Prosecco-Dosen zischen. Die eine hat zinnoberrot gefärbte Haare, die andere gelbe Blocksträhnen. Beide tragen ausladende Dekolletés. Sie sind schon gut angetüdelt.
„Kiek mal, der Lidl!“ ruft die Gelbhaarige aufgeregt und zeigt aus dem Fenster. „Da hab ick mal nachts jearbeitet!“
„Nachts?“ fragt die Rothaarige erstaunt.
„Ja! Dit war richtig toll!“ gluckst die Gelbhaarige. „Ick hab imma Weintrauben jejessen und ‘ne janze Packung Kekse. Eenmal is nachts die Kühlung kaputt jejangen. Da hab ick im Kühlregal ordentlich zujelangt. Milchschnitten, diese Exquisa Käsekuchen, Kinder Pingui, Babybel, Würstchen…“
Die Rothaarige lacht begeistert.
Ich nicke anerkennend rüber. Mal eine ganze Nacht im Supermarkt schlemmen – das hätte was. Es gibt überhaupt einige Orte, an denen ich gerne nachts eingeschlossen wäre. So wie Ben Stiller in dem Film „Nachts im Museum“, wo die prähistorischen Viecher zum Leben erwachen. Hier meine Top 3 der Berliner Orte, an denen ich gern eine Nacht verbringen würde:
Die Gärten der Welt
Vom Orientalisch-Islamischen Garten zum Koreanischen lustwandeln, von dort weiter zum Chinesischen Garten und schließlich Nachtruhe im Teehaus „Berghaus zum Osmanthussaft“. Während die Frösche im See „Spiegel des Himmels“ quaken, sich der Bambus sachte wiegt und der Duft von Magnolien und Chrysanthemen in meine Nase steigt.
Geht natürlich nur in einer warmen Sommernacht. Aber die Hitze soll ja bald wiederkommen. Ich glaube nicht, dass mich die Securityleute auf diesem riesigen Gelände finden würden. Ich habe mir sogar schon ein Versteck überlegt: den großen Holzwal auf dem Kinderspielplatz. Ich bin probeweise bereits reingeklettert. Vielleicht finde ich sogar heraus, wie man die Seilbahn in Gang setzt.
Kulturkaufhaus Dussmann
Eine ganze Nacht lang Bücher lesen, Bildbände anschauen und im Untergeschoss Ukulelen, Gitarren und Kalimbas ausprobieren. Ein Traum! Unter der Woche haben sie ja bis Mitternacht geöffnet. Und es gibt da dieses Schlupfloch hinter einer Regalwand in der dritten Etage bei den Fachbüchern.
Vabali Spa
Eine Nacht lang Urlaub auf Bali und trotzdem in Berlin sein.
Nicht schlimm, wenn sich die Saunen nicht anschalten lassen. Denn endlich könnte ich mal in dem Pool schwimmen! Ich liebe das Vabali, aber ich war noch nie dort im Wasser. Im Spa herrscht nämlich striktes Textilverbot.
In der Sauna ist das für mich kein Problem, außerdem hat man ja sein Handtuch. Aber die Vorstellung, wie ein nackter Frosch durch den Pool zu schwimmen, der von Liegen gesäumt ist, auf denen die Chillenden die Nackedeis beobachten können – nee, das geht gar nicht für mich. Noch grausiger die Vorstellung, dass unter den Leuten am Beckenrand jemand liegt, mit dem ich beruflich zu tun habe.
Also geht Schwimmen dort nur nachts.
Anschließend würde ich, in einen flauschigen weißen Bademantel gekuschelt, durch die Ruhe-Lounges schweben und es mir auf meinem Lieblingssofa vorm Kamin gemütlich machen.
Die Frau mit den gelben Blocksträhnen hat mich auf eine Idee gebracht. Andere träumen von Villen am Meer oder einer Weltreise. Mir reicht gerade eine nächtliche Escapade in Berlin.
Mit den Gärten der Welt könnte ich anfangen. Den Holzwal als Versteck habe ich ja vorsichtshalber schon mal getestet.
Habe eine dunkle Erinnerung, dass ich als Kind davon phantasierte, allein und unbeaufsichtigt in einem der großen Kaufhäuser herumzustreifen, später dann zusätzlich verbunden mit der leider unrealistischen Idee, in einem Kaufhaus mit dem Sortiment der Sechziger Jahre, das ich kaum erinnere, mir aber doch irgendwie vorstellen kann. Würde mich sogar heute noch interessieren, müsste aber nicht nachts stattfinden, ich sähe auch gerne das Original Kaufpublikum aus den Sixties.
Mir fällt nur eine nächtliche Eskapade ein, die anderen unheimlich ist, wenn ich sie erzählte. Ich bin einmal ganz allein, da war ich schon sehr erwachsen, erst nach Einbruch der Dunkelheit im Sommer, also zu sehr später Uhrzeit, bis S-Bahnhof Grunewald gefahren und von da den Weg durch den Wald zum Teufelssee gelaufen, um dort alleine schwimmen zu gehen. Ich war dann doch nicht ganz alleine, es gab noch zwei Liebespärchen, die es auch exklusiv fanden, den sonst stark besuchten Badesee nachts für sich alleine zu haben. Ich bin dann da auch nackt geschwommen, was ich nur mache, wenn es kein Publikum gibt. Die Paare waren ja mit sich beschäftigt.
Ich geniere mich (immer schon, auch als ich ganz jung war), in der Öffentlichkeit alle Hüllen fallen zu lassen, weil ja doch geguckt wird, egal wie man aussieht – aber ich bin auch Bio-Wessi, die gelten da ja allgemein als verklemmter 🙂 Finde ich sehr interessant, dass Du da auch nicht so locker bist, wie es immer klischeehaft über Frauen kolportiert wird, die von Geburts wegen und Sozialisation Wurzeln im Osten haben. Ich habe auch keine Freude, andere Leute nackig zu sehen und ihre intimen Körperbereiche vor der Nase zu haben, wahrscheinlich ist das Problem dabei meine blühende Phantasie, die geht wohl schnell in Richtung „too much information“ 🙂
Super Idee! Hab schon ein paar solcher Nächte organisiert, im Buchladen oder Naturkundemuseum. Und ich ergänze deine Liste um eine Nacht auf dem Fernsehturm , eine Nacht im Don Xuan Center, oder eine Nacht im Ikea oder einem Bettenladen. Hach!
Oh mein Gott, sind das alles tolle Ideen! Eine Nacht im Don Xuan Center, herrlich 😂 Das stelle ich mir so lustig vor! War da lange selbst bei Tage nicht – du bringst mich auf die Idee! Wie toll, dass du schon solche Nächte organisiert hast. Im NATURKUNDEMUSEUM, wow, da hattest du ja wirklich deinen Ben-Stiller-„Nachts im Museum“-Moment! 👏