„Sie sehen die Welt in Pastellfarben“, meinte neulich mein Augenarzt beim Routine-Sehtest. Entsetzt darüber, dass ich trotz meiner deutlichen Kurzsichtigkeit keine Brille trage.
Das tue ich nur in zwei Situationen:
a) Beim Autofahren.
b) Im Kino.
Aber erst, wenn es dunkel wird und alle gebannt auf den Vorspann starren.
Sonst nicht. Aus Eitelkeit. Die Welt sieht für mich ein bisschen aus wie mit dem Instagram-Filter Aden: Weichgezeichnet, verschwimmende Konturen, zartes Licht.
Neulich musste ich beim Autofahren notgedrungen wieder die Brille aufsetzen. Mein Freund saß neben mir, unsere vierjährige Tochter hinten. Und ich sah beide zum ersten Mal seit Langem wieder richtig scharf. Interessant.
Meine Kurzsichtigkeit habe ich mir übrigens selbst eingebrockt. In der dritten Klasse. Ich war neun, hatte Adleraugen – wollte aber unbedingt so eine schicke rote Brille wie meine Freundin Juliane H. Also gaukelte ich meinen Eltern Sehschwierigkeiten vor. Beim augenärztlichen Sehtest ließ ich mir ausgiebig Zeit, bis ich die immer kleiner werdenden Zahlen und Buchstaben „erkannte“. Ich bekam meine rote Brille. Mit elf Jahren kam die Eitelkeit. Doch meine Augen hatten sich an die Brillengläser gewöhnt. Nun war ich wirklich kurzsichtig. Ich entschied mich für ein Leben mit Weichzeichner. Instagram-Filter gab es damals noch nicht.
Bei anderen Leuten finde ich Brillen übrigens großartig. Manche sehen damit sogar besser aus als ohne. Meine persönliche Top 3: Kate Winslet mit Nerd-Gestell. Jude Law in Liebe braucht keine Ferien. Nicole Kidman in Eyes Wide Shut.
Nur ich selbst verwandle mich in meiner Wahrnehmung augenblicklich in eine Brillenschlange. Und auch die in der Schublade geparkte Chanel-Brille ändert nichts daran.
Dabei beschäftigt uns Eitelkeit schon seit Jahrhunderten. Das Wort „eitel“ stammt vom mittelhochdeutschen îtel (9. Jahrhundert) und bedeutete ursprünglich „leer“ oder „nichtig“. Auch das lateinische vanitas heißt soviel wie „Nichtigkeit“ oder „leerer Schein“. Erst später bekam Eitelkeit die Bedeutung, die wir heute kennen: Die übertriebene Sorge um die Wirkung auf andere. Arthur Schopenhauer unterschied zwischen Stolz und Eitelkeit: Stolz ist für ihn die von innen kommende Hochschätzung der eigenen Person. Eitelkeit dagegen lebt davon, dass diese Hochschätzung von außen kommt.
Eitelkeit ist raffiniert. Sie macht vor keinem Geschlecht halt. Sie zeigt sich an Männern, deren Haare plötzlich wieder eine Farbe annehmen, die die Natur längst aufgegeben hat. Aber auch im Brille-Weglassen und Bauch-Einziehen. In Erzählungen darüber, wie beschäftigt man ist. Oder wie wohltätig. Im Understatement. Im Bestreben, besonders klug zu wirken. In den zwanzig Urlaubsbildern, die man postet.
Eigentlich ist Eitelkeit jede Form von Bildregie. Nicht nur des Gesichts oder Körpers, sondern auch des eigenen Wesens. Man kann sogar auf seine Bescheidenheit eitel sein.
Haben Social Media Eitelkeit verstärkt? Der Wunsch nach Anerkennung ist uralt. Neu sind die Instrumente, mit denen sie gemessen wird: Herzen, Likes, Views, Followerzahlen, Kommentare. Früher hoffte man, dass einen jemand schön findet. Heute kann man nachschauen.
Natürlich hat Eitelkeit viele Gesichter. Eine Freundin erzählte mir mal, ihr Mann habe sie noch nie ohne Wimperntusche gesehen. Als ich sie entgeistert fragte, ob sie sich denn abends vor dem Schlafengehen nicht abschminke, schüttelte sie den Kopf. Sie habe eine super Mascara entdeckt, die nicht verwische. So wache sie morgens neben ihrem Mann mit perfekten, voluminösen Wimpern auf.
Ich kenne viele Schauspielkolleginnen, die früh morgens nicht ohne Wimperntusche das Haus verlassen – obwohl sie am Set ohnehin von der Maskenbildnerin geschminkt werden. Und die hat es am liebsten, wenn man völlig „nude“ erscheint.
Neulich bin ich zum ersten Mal in meinem Leben morgens mit nackten Augen vor eine Maskenbilderin getreten. Da stellte ich fest, dass ich dafür 20 Jahre gebraucht habe. Schopenhauerscher Stolz erfüllt mich angesichts meiner plötzlichen Uneitelkeit. Oder sagen wir: Gelassenheit. Oder bin ich jetzt schon eitel auf meine neu entdeckte Uneitelkeit?
Zwei Monate nach der Geburt meiner Tochter musterte mich die Kinderärztin und tadelte mich liebevoll für meine frisierten Haare und mein offenbar zu schickes Outfit. Ich müsse mir doch gerade jetzt, als frischgebackene Mutter, keine Gedanken um mein Äußeres machen. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass Eitelkeit offenbar nicht nur eine Frage der Person ist, sondern auch der Lebensphase. Es gibt Momente, in denen sie selbstverständlich scheint. Und andere, in denen sie fehl am Platz wirkt.
Als Kind wollte ich unbedingt eine rote Brille. Noch davor hatte ich mir eine Zahnspange gewünscht. Und einen Goldzahn. Fragt mich nicht warum – ich fand Goldzähne toll.
Manchmal stelle ich mir vor, wie ich heute aussehen würde, wenn sich alle drei Wünsche erfüllt hätten.
Nun, ich sag’s mal so: Uneitelkeit ist eine schwer zu tolerierende Form der Unhöflichkeit gegenüber den Mitmenschen. Insofern bleibt die Eitelkeit eine lässliche Sünde, die ich gern an mir und vor allem den anderen akzeptiere. Danke für Deine charmanten, uneitlen und herrlich ehrlichen Introspektiven, liebe Saskia
„(…) In Erzählungen darüber, wie beschäftigt man ist.“
Mich lässt der Verdacht nicht los, dass diejenigen, die lautstark privat mit ihren sie ach so beschäftigenden, formidablen Projekten hausieren gehen, eher eine Art Selbstvergewisserung betreiben, dass sie es im Leben doch noch zu etwas gebracht haben. Mir fällt wiederholt auf, dass das oft Menschen sind, nicht selten auch Personen, die sich selbst als Künstler/innen betrachten, die de facto gar nicht so viele Projekte oder Erfolge zu verzeichnen haben und dann ihr endlich mal wieder anstehendes kleines Engagement oder whatever bis zur Unkenntlichkeit aufplustern. Ich kannte und kenne da einige Kandidaten, wo mir die tatsächlichen Verhältnisse bekannt sind. Man muss nur mal darauf achten, was Menschen privat kommunizieren, die WIRKLICH viele berufliche Termine und Engagements auf der Agenda haben: meistens wenig, da sie sich privat von den Themen erholen wollen, die sie sonst auf Trab halten und Ergebnisse sprechen lassen. Schwer vorzustellen, dass z. B. Mick Jagger in einem privateren Kreis herumtönt, dass er aktuelle ganz ganz wenig Zeit hat, weil EINE NEUE PLATTE herausgekommen ist und er SO VIELE PROMO-TERMINE hat! Ich selbst halte es mit jeglichen Verlautbarungen zu Aktivitäten so, dass ich im Vorfeld gar nicht drüber rede, erst wenn alles in trockenen Tüchern ist und alles andere ist schlicht und ergreifend Arbeit, die gemacht werden muss, die sich aber nicht dadurch erledigt dass man lang und breit darüber schwafelt. Ich hatte mal näher mit jemandem zu tun, der stundenlang in hippen Cafés in Friedrichshain mit seinem Mac Book saß und den halben Tag damit verplemperte, von künftigen Projekten zu phantasieren. Realisiert hat er von all den farbig ausgemalten Sensationen ungefähr 1 Prozent.
Deine Brillen-Abneigung teile ich. Konnte mich nur schwer daran gewöhnen, in der S-Bahn die Lesebrille aufzusetzen, weil Lesen anders nicht mehr möglich ist. Und muss Dir natürlich auch sagen, Deine Brille (meine aber nicht die auf dem Foto da oben) steht Dir unfassbar gut. Ich muss dann immer an die Szene mit Romy Schneider in Les Choses de la Vie denken, wo sie als „Übersetzerin“ in der Szene mit Michel Piccoli an der Schreibmaschine sitzt, die Haare zusammengebunden, Brille, Morgenmantel und ihn fragt was „ausschmücken“ auf französisch heißt – ob es affabuler sei… 🙂
Über äußerliche Eitelkeiten freue ich mit viel mehr als über innerliche, weil ich es genieße, wenn die Welt dadurch schöner wird. Wem nicht egal ist, wie er vor die Tür geht, berücksichtigt im Grunde, was er seinen Mitmenschen bietet und wertet das Stadtbild und damit auch meine Lebensqualität auf. Insofern kann ich nur sagen: wie die Kinderärztin drauf ist, erschließt sich mir überhaupt nicht. Zumal Kinder auch dafür sensibel sind, ob ihre Mama hübsch ist, sich wohl in ihrer Haut fühlt. Kinder haben lieber eine schicke Mama als eine, die aussieht, als ob ihr alles wurst ist!