Ich habe in den letzten Wochen eine neue Form des Tourismus kennengelernt. Nicht Reisen zu bekannten Drehorten (Set-Jetting), nicht das halblegale oder gar illegale Erkunden von unterirdischen Bunkern, verfallenen Nervenheilanstalten und anderen „Lost Places“ (Urbexing) und auch keine Pilgerreisen zu Orten mit angeblichen Alien-Sichtungen (Ufo-Tourismus).
Nein, ich rede von „Tagen der offenen Tür“ in Grundschulen.
Unsere Tochter wird nächstes Jahr schulpflichtig. Seit vier Jahren im Kita-Kosmos unterwegs, sah ich mich nun plötzlich gezwungen, mir die Grundschulen im Kiez anzuschauen, die ihre Türen öffneten.
Mit dem Kiez ist das allerdings so eine Sache. Denn die sogenannte Einzugsschule – also die Grundschule, die einem vom Bezirksamt zugewiesen wird – muss nicht automatisch im Kiez liegen. Das Bezirksamt Mitte hat letztes Jahr beschlossen, dass Kinder aus unserer Nachbarschaft künftig zum Teil jenseits der Bernauer Straße im Wedding eingeschult werden sollen. Ob man betroffen ist, hängt unter anderem von der Hausnummer ab. Gerade Nummer: Glück gehabt. Ungerade Nummer: Pech gehabt. Dann kann es passieren, dass der Nachwuchs künftig einen Kilometer über eine viel befahrene Hauptverkehrsstraße samt Straßenbahn laufen muss, obwohl sich in unmittelbarer Nachbarschaft gleich mehrere Grundschulen befinden.
Das wollen viele Eltern im Kiez natürlich nicht mitmachen. Und so war der Ansturm auf die Tage der offenen Tür in den umliegenden Grundschulen in Mitte und im angrenzenden Prenzlauer Berg entsprechend groß. Hinzu kamen Eltern aus dem Wedding, die ihre Kinder lieber in Mitte einschulen lassen möchten. Also in Mitte-Mitte.
Bei meinen Streifzügen durch die Grundschullandschaft drängten sich mir folgende Thesen auf:
1. Es ist nie früh genug.
Bei den rappelvollen Informationsveranstaltungen der Grundschulen, auf denen sich Eltern samt Nachwuchs bis in die Treppenhäuser quetschten, erblickte ich etliche mir bekannte kleine Kinder, die erst in zwei oder gar drei Jahren schulpflichtig sind. Auf meine vorsichtige Frage, warum denn so früh, antworteten mir die Eltern, dass sie sich selbstverständlich bereits jetzt ein Gesamtbild verschaffen wollten.
Ein kleiner Schreck überfiel mich. Letztes Jahr hätte ich nicht im Traum daran gedacht, mir schon eine Grundschule anzuschauen. Dass ich jetzt auf ein paar Informationsveranstaltungen war, verdanke ich einem alten Bekannten, den ich im Januar zufällig beim Rodeln im Weinbergspark getroffen hatte und der mir dringend ans Herz legte, bloß nicht im September und Anfang Oktober zu verreisen. Denn dann seien die Tage der offenen Tür der Grundschulen.
Es ist übrigens auch nie früh genug, die akademische Laufbahn des Nachwuchses zu planen. So fragte ein Vater beim Informationsvortrag einer Schulleiterin beharrlich, wie viel Prozent der Kinder es denn anschließend aufs Gymnasium schaffen würden.
2. Viel hilft viel.
Ich habe es geschafft, mir ein Bild von vier Schulen zu machen. Das kam mir schon viel vor. Früher Club-Hopping, heute Schul-Hopping. Bei den Informationsveranstaltungen bekam ich durch besonders eifrige Eltern mit, dass ich mir eigentlich noch sechs weitere Schulen hätte anschauen müssen. Die kannten sich zum Teil schon von anderen Tagen der offenen Tür.
„Ach hallo, wir haben uns doch letztens auf der Kastanienbaum und auf der am Koppenplatz gesehen! Geht ihr morgen auch zur Senefelder?“
„Ja, unbedingt! Aber dann sehen wir uns übermorgen auch auf der Evangelischen? Die soll ja auch so toll sein!“
Und gerade als ich dachte, vier Schulen seien mehr als genug, empfahl mir eine befreundete Kollegin dringend noch eine weitere. Die würde alle anderen übertreffen.
„Dein Kind wird dort quasi von vier Leuten betreut! Einer Bezugslehrkraft, zwei Erziehern und einer Person, die hospitiert! Und die Eltern müssen sich auch einbringen. Drei Stunden im Monat!“
Schon bei den vier Betreuungspersonen wurde mir etwas mulmig. Bei den drei Stunden verpflichtender Elternarbeit war ich endgültig raus.
3. Wer es nicht nötig hat, muss sich nicht bemühen. Und umgekehrt. Also eigentlich wie auf dem Beziehungsmarkt.
Tag der offenen Tür in der nächstgelegenen Grundschule, die bisher unsere Einzugsschule gewesen wäre. Aber wir haben eine ungerade Hausnummer.
Die Schule ist heiß begehrt. Nicht nur wegen ihres musikalischen Schwerpunkts und der Aussicht, dass der Nachwuchs dort zu kleinen Philharmonikern herangezüchtet wird.
Auf dem Schulhof drängen sich Hunderte mit Kind und Kegel. Okay, ich habe auch noch die Großeltern mitgeschleppt. Mein Freund ist beruflich unterwegs. Zum Glück können sie sich während des Vortrags ums Enkelkind kümmern. Ich habe schon erlebt, wie Eltern, die alleine mit Kind bei einem Tag der offenen Tür waren, Vorträge fluchtartig verlassen mussten, weil sich der Nachwuchs verständlicherweise schrecklich langweilte, während Fragen zur Klassenstruktur (jahrgangsübergreifend versus jahrgangshomogen) oder zum Schulkonzept erörtert wurden.
Ich treffe eine alte Bekannte, die sich die Schule schon mal für ihr Kind anschauen will, das erst in zwei Jahren eingeschult wird. Alle wundern sich, wie die Massen wohl in das Hauptgebäude passen sollen, wo doch dort ein Infovortrag stattfinden soll.
Verstohlener Blick auf die Website. Die ist so unattraktiv und nichtssagend, wie es wahrscheinlich nicht einmal die Website der Volkshochschule von Minden in den 1990er-Jahren gewesen wäre. Oh, die Infoveranstaltung findet auf dem Schulhof statt.
Irritiertes Gemurmel, wie die Lehrkräfte wohl auf dem Schulhof bei den Menschenmassen und im Herbstwind zu verstehen sein werden. Na, als musikorientierte Schule werden sie ja Mikrofone haben.
Ein überfordert wirkender Lehrer ruft mit dünner Stimme gegen den Wind, dass man überrascht sei von dem Andrang (das können sie doch Beethovens Großmutter erzählen!) und die Massen nun in drei Gruppen aufteile. Jede werde in einen anderen Trakt geleitet.
Ich stehe mit Kind und Omi zufällig in der Nähe des Lehrers vorm Hauptgebäude, und wir werden im sich drängenden Pulk vier Stockwerke nach oben geschoben. Der Opi bleibt schlauerweise draußen sitzen und betreibt fassungslos Sozialstudien.
Drinnen im Treppenhaus geht es zu wie früher in der Schule, nur schlimmer. Rasende Eltern, ihre Kinder hinter sich herzerrend. Der Gott des Gemetzels. Die Omi schimpft über die hohen Treppen und bemitleidet schon jetzt das Enkelkind.
Wir ergattern Plätze in der Mitte des Raumes. Aber das ist völlig egal, denn man versteht kein Wort. Eine Kakophonie aus Stimmengewirr, durchdrehenden Kindern, gelangweilten Kindern, schreienden Babys und nervösen Eltern. Während des nicht zu verstehenden Vortrags der Schulleiterin klimpern Kinder an herumstehenden Instrumenten, ohne von ihren Eltern zur Ruhe ermahnt zu werden. Für mein freundliches „Pssst!“ ernte ich einen ungläubigen Blick von der Mutter eines der Störenfriede.
Vorne sprechen drei Lehrkräfte und die Schulleiterin ohne Mikrofon. Für die erste Reihe.
Mein Kind sagt: „Mama, ich will raus.“
Ein Herr, der sich als Schulrepräsentant gebärdet und mich optisch an Piet Klocke erinnert, führt uns noch halbherzig durch ein paar Unterrichtsräume. Fragen von Eltern beantwortet er größtenteils mit Sätzen wie „Das kann ich nicht genau beantworten“, „Nageln Sie mich nicht fest“ oder „Da müssen Sie noch mal Frau … im Sekretariat fragen“.
Interessant, dass diese Schule eine der begehrtesten im Kiez ist. Und renommiert soll sie auch sein. Nein, hier bemüht man sich nicht. Es drängt sich gar der Verdacht auf, dass man die Eltern abschrecken will.
Wo wir bei denen wären, zu denen keiner will.
Natürlich habe ich mir auch unsere neue Einzugsschule angesehen. Sehr elternfreundlich werden zwei großzügige Zeitfenster am Vormittag und Nachmittag angeboten. Ich bin mit meiner Tochter am Vormittag da. Die interessierten Eltern kann man an den Fingern einer Hand abzählen.
Zusammen mit einer Engländerin aus Pankow, die sich die Schule für Freunde anschaut, die gerade im Urlaub sind, bekommen wir eine persönliche Schulführung. Die Freunde hatten offenbar nicht wie ich das Glück gehabt, beim Schlittenfahren rechtzeitig vor der Grundschul-Besichtigungssaison gewarnt zu werden.
Drei türkische Mädchen aus der sechsten Klasse führen uns ganz liebenswürdig und informativ zwei Stunden lang über das Gelände und durch jede Etage. Ich notiere mir später ihre Namen und lobe sie ausdrücklich bei der sehr netten Sekretärin.
Im Gegensatz zur begehrten Schule mit Renommee dürfen wir im Wedding sogar in den Unterricht hineinschauen. Okay, im Englischunterricht wird ein Video abgespielt und die Lehrerin schaut etwas lustlos drein. Die für ihre Freunde recherchierende Engländerin neben mir zieht die Augenbrauen hoch.
Von ihr lerne ich übrigens, dass man sich unbedingt die Toiletten anschauen muss. Sie fotografiert sie sogar. Anschließend erklärt sie mir, dass sie an einer Schule in Pankow unterirdische Klos erlebt habe.
Bei der großen Bühne in der Aula schlägt mein Herz höher. Gerade findet Tanzunterricht statt. Der Lehrer sitzt mit dem Handy auf der Bühnenkante, spielt ein Lied ab und sagt zu den Kindern: „Tanzt mal.“ Sie bewegen sich unschlüssig. Die Engländerin zieht die Augenbrauen hoch.
Okay, die Ausstattung der Schule ist wirklich klasse. Die Website übrigens auch. Wo ich bei der nächsten These wäre: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.
Und im Umkehrschluss, an die renommierte Schule denkend: Ist da etwa Gold, wo gar nichts glänzt? Aber lassen wir das.
Was machen eigentlich Leute auf dem Land, wo es nur die eine Dorfschule gibt? Nehmen die Kinder Schaden, wenn ihre Eltern keine fancy Auswahl haben? Und was haben überhaupt unsere Eltern gemacht?
Meine Grundschule war die Karl-Marx-Schule in Brandenburg an der Havel. Ein großer Neubau in dem Plattenbauviertel, in dem ich meine frühe Kindheit verbracht habe. Direkt daneben lag die Lenin-Schule. Wir waren, jedenfalls in meiner Erinnerung, miteinander verfeindet. Dabei teilten wir uns den weitläufigen Schulhof. Im Winter flogen harte Schneebälle zwischen Marx und Lenin.
Als kleines Kind wurde ich noch im Sinne der marxistisch-leninistischen Ideologie unterrichtet. Meine Klassenlehrerin Frau H. war besonders linientreu, und ich erinnere mich, dass ich schon in der ersten Klasse den Wunsch hatte, der Nationalen Volksarmee beizutreten. Was meine Mutter ziemlich schockte. Frau H. hatte fleißig für die NVA geworben und mich besonders für die Panzer begeistern können.
In der dritten Klasse war ich Agitatorin, in der vierten Klassensprecherin. In meinen Zeugnissen lese ich, dass ich mich immer hervorragend für das Kollektiv eingesetzt habe.
Nebenbei sang ich in der schulischen „Singegruppe“ und hatte mit acht Jahren meinen ersten Solo-Auftritt auf einer für mich riesigen Bühne. Ich übernahm den Sprechgesang zum finnischen Volkslied „Kalliolle kukkulalle“. Meine große Schwester spielte Gitarre.
Dann fiel die Mauer.
Ich bin keiner Armee beigetreten, ideologisches Gedankengut ist mir fern und Teamarbeit finde ich meistens nervig.
Aber an meinen ersten Gesangsauftritt erinnere ich mich bis heute.
Das ist interessant. Und wie ist es ausgegangen? Welche Schule wählst du für dein Kind? Und woher weiß du, ob sich die Schule für dein Kind entscheidet
Das wäre doch interessant zu lesen.
Das ist interessant. Und wie ist es ausgegangen? Welche Schule wählst du für dein Kind? Und woher weiß du, ob sich die Schule für dein Kind entscheidet
Das wäre doch interessant zu lesen.
Liebe Saskia, sehr gerne lese ich immer Deine Kolumne. Jetzt hat mich natürlich überrascht, dass Deine kleine Maus bald ein Schulkind ist. Aber zum Thema. Alles, was Du hier schreibst, kannte ich bisher nicht. Unglaublich, was da an einem Tag der offenen Tür so abgeht. Bereits seit 2018 arbeite ich ja an der K.-Tucholsky-GS in Moabit, nur eben im sogenannten Hortbüro. Von solchen Auswüchsen hatte ich keine Ahnung. Solche Besuchermassen verteilen sich doch sicher auch im Labyrinth der Schule. Am Anfang habe ich mich da auch oft verlaufen. Tja, das scheint also ganz schön mühsam mit der Schulanmeldung. Dann vergiss nicht, gleich einen Antrag auf Hortbetreuung zu stellen , machen fast alle Eltern , denn in den ersten 3 Jahren musst Du keine Betreuung skosten bezahlen, alles frei .
Dann wünsche ich Dir weiterhin viele schöne Momente mit Deiner Maus auf dem „Bildungsweg“, LG von Christel.
„Während des nicht zu verstehenden Vortrags der Schulleiterin klimpern Kinder an herumstehenden Instrumenten, ohne von ihren Eltern zur Ruhe ermahnt zu werden. Für mein freundliches „Pssst!“ ernte ich einen ungläubigen Blick von der Mutter eines der Störenfriede.“
Dann wissen wir ja jetzt schon, auf wen die spätere posttraumatische Belastungsstörung dereinst zurückzuführen sein wird! Schäm Dich!
🙂
Habe diesen Eintrag ohne mich bemerkenswert zu langweilen, vollständig gelesen, trotz des mich Null Prozent betreffenden Sujets! Man ist nun tatsächlich am Rätseln, was die Schule bei Dir umme Ecke so begehrenswert macht, außer „Lage Lage Lage“!