„Mama, wenn du mal eine alte Oma bist, will ich ein Foto von dir haben, wie du jetzt aussiehst“, eröffnet mir meine fast fünfjährige Tochter. „Joa, da wird’s einige von mir geben“, sage ich. Und frage mich, ob ich als alte Oma beim Anblick meines heutigen Ichs genauso wehmütig sein werde wie jetzt, wenn ich Fotos von vor zehn Jahren sehe. Obwohl ich schon damals wehmütig wurde, wenn ich Fotos von zehn Jahren zuvor ansah.
Mein hochgeschätzter, im Alter von 87 Jahren verstorbener Professor Günther von Lojewski sagte einmal zu mir: „Frau Rutner, Altwerden ist – mit Verlaub – richtig Scheiße.“ Ich wusste gar nicht, was ich darauf sagen sollte. Ihm als viel jüngerer Mensch zu widersprechen oder das Altwerden schönzureden erschien mir jedenfalls nicht angemessen.
Neulich habe ich gelesen, dass am 1. Oktober der Internationale Tag der älteren Menschen begangen wird. Seit 1991 gibt es diesen von den Vereinten Nationen ausgerufenen Aktionstag, der auf die Lebenssituation älterer Menschen aufmerksam machen und für ihre Rechte und Bedürfnisse sensibilisieren soll. Mit Blick auf die demografische Entwicklung frage ich mich, ob wir irgendwann alle zusammen eine riesige Party feiern und uns selbst hochleben lassen.
Ab wann ist man eigentlich alt? Wenn man sich so fühlt? Wenn man im Rentenalter ist? Wenn man graue oder ockerfarbene Jacken trägt?
Auf Instagram werden mir zurzeit ständig Stunt-Videos von Tom Cruise angezeigt. Tom Cruise, wie er aus Flugzeugen springt, sich von Hochhäusern fallen lässt oder Glasfassaden in schwindelerregender Höhe hochklettert. Man hat das Gefühl, mit zunehmendem Alter werden seine Stunts immer waghalsiger. Alles ohne KI, wie er gerne betont.
Auf die Frage in einem Interview, was sein kürzlicher 64. Geburtstag für ihn bedeute, antwortete er trocken: „Es bedeutet, dass ich 64 bin.“ Die Zahl ändere seine Sicht auf das Leben nicht. Er habe weiterhin Träume. Aber er wisse auch, dass er sich anstrengen und neue Fähigkeiten aneignen müsse, um diese zu verwirklichen. Man lerne schließlich ständig dazu.
Noch vor einiger Zeit hätte ich gesagt: „Für sein Alter sieht er gut aus.“ Oder: „Er ist gut gealtert.“ Genauso wie Brad Pitt, Monica Bellucci und Lenny Kravitz. Und Sophie Marceau, die demnächst 60 wird. Sage ich nicht mehr. Denn was ist das bitte schön für eine Beleidigung für das Alter an sich? Als wäre es eine erstaunliche Leistung, mit zunehmenden Lebensjahren noch gut auszusehen.
In meinem Kiez sieht man kaum alte Menschen. Eine der wenigen ist eine kleine alte Dame, die jeden Morgen die Tauben füttert. Es ist ein rührendes Bild, wenn die Vögel sie umringen. Es scheint sie glücklich zu machen. Leider macht es auch die Ratten glücklich, die sich ebenfalls an den Krumen laben und in den Büschen am Weinbergspark munter vermehren. Ich habe es bisher nicht übers Herz gebracht, die Dame darauf anzusprechen. Vielleicht ist das Taubenfüttern ihre einzige Freude. Aber muss man aus Respekt vor dem Alter gleich eine Rattenplage hinnehmen und riskieren, dass Berlin-Mitte von der Pest heimgesucht wird?
Meine Tochter ist gerade in einer Phase, in der sie vor manchen alten Menschen Angst hat. Nicht vor allen. Aber vor denen, die richtig alt aussehen. Ich kann sie verstehen. Mir ging es als Kind genauso. Besonders gruselte ich mich vor Frau Weise, einer Freundin meiner Urgroßtante Gretchen. Frau Weise sah für mich aus wie eine Mischung aus Dracula und Theo Lingen. Den heutzutage wahrscheinlich auch nur noch richtig alte Menschen kennen. Dabei war Frau Weise unglaublich lieb. Sie schenkte mir Süßigkeiten und lud Tante Gretchen und mich immer zu sich ein, wenn ich bei meiner Urgroßtante Urlaub machte. Nichts davon half. Ich hatte schreckliche Angst vor ihr. Heute tut es mir von Herzen leid.
Dass meine Tochter vor alten Menschen Angst hat, hindert sie übrigens nicht daran, selbst möglichst schnell älter werden zu wollen. Inzwischen ist sie fünf geworden. Die Vorfreude war so groß, dass sie am Abend vorher nicht einschlafen konnte. Diese unbändige Freude auf das Älterwerden! Müsste man als Erwachsener eigentlich auch mal zelebrieren.
„Ich freu mich soooo auf meinen nächsten Geburtstag! Ich kann es kaum erwarten! Ich bin ja sooo aufgeregt! Juchu, wieder ein Jahr älter!“
Eine magische Zahl war für mich die 13. So alt war Sophie Marceau als Vic in „La Boum“. Der Film war schon alt, als ich zehn war, aber wir wollten alle dreizehn sein – und wir Mädchen wie Sophie Marceau.
Wann hat die Vorfreude auf das Älterwerden eigentlich aufgehört? Muss so mit zwanzig gewesen sein. Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich 25 als richtig alt empfand.
Heute würde ich gern noch mal 25 sein. Und wenn ich irgendwann eine alte Oma bin, werde ich vielleicht wehmütig auf die Fotos von heute schauen. Ob ich dann meinem Professor zustimmen oder mich immer noch so auf meinen nächsten Geburtstag freuen werde wie meine Tochter, weiß ich nicht. Wahrscheinlich beides. Bis dahin halte ich es mit Tom Cruise und freue mich auf all das, was es noch zu lernen gibt. Aus Flugzeugen springen muss ja nicht unbedingt dazugehören.
Es ist komplex. Immer schon fällt mir auf, dass salbungsvolle Beschönigungen à la „hach, ich finde das ja so toll, wenn ein Gesicht gelebte Falten hat, so WAHNSINNIG ausdruckstark!“ ausschließlich aus Gesichtern kommen, die noch sehr weit von diversen Knitterfalten aus dem Spektrum „Marionettenfalten“ und „Plisseefalten“ entfernt sind. Je älter sie dann werden, umso leiser werden solche Statements. Ja, Lachfalten, wer findet die nicht schön? Aber diese senkrechten Runzeln über der Oberlippe, die Einbuchtung durch erschlaffte Haus an der „Jaw Line“? Ich brauche die wie einen Kropf und ein Ausdruck von Weisheit sind sie leider auch nicht. Mich schmerzen solche Wahrnehmungen im Spiegelbild (ist kein Fishing for Compliments, sondern real). Der Zahn der Zeit weht erbarmungslos über uns alle hinweg, mir macht das, die ich eigentlich eine sonst recht stabile Verfassung habe, keine Midlife Crisis, sondern eine Endlife Crisis. Die ich ganz gut kompensiere, indem ich mir schöne Erlebnisse verschaffe, die nicht direkt auf den Kontext „bin ich noch attraktiv für ein erotisches Gegenüber“ fixiert sind. Aber frei werde ich niemals davon werden, gesehen werden zu wollen, ein Lächeln von Unbekannten zu bekommen, das erwärmt das Herz, belebt den Geist und gibt neuen Schwung. Dass das sogenannte Seniorenalter aber nun neu definiert wird, brauche ich auch nicht, zumal es dann gleich wieder wohlfeile Steilvorlage für gewisse Wirtschaftspolitiker wäre in Richtung „Rente ab Siebzig“. Kannst Du mal von ausgehen. Auch ich habe mich als Kind vor alten Leuten gegruselt, die einfach düster aussahen, schrumpelig und komplett verwelkt, weil doch näher einem Abbild von Gevatter Tod als dem blühenden Lebens. Die Verkörperung von der Umkehr des kreativen, aufstrebenden Prozesses, Umkehr von Entfaltung, Hinweis auf Rückzug vom Leben und baldiger Auflösung. Tut mir auch leid, ich war zum Glück nie so konkret mit Kontakten konfrontiert. Außer mit einem Verwandten, ein ferner Onkel, der dick und feist war und Zigarre rauchte und immer danach roch, den fand ich auch abstoßend. Und einmal muss ich bei einer Zugfahrt als kleines Kind zu meiner Mama etwas über einen alten Mann gesagt haben, der gegenüber saß und gar nicht meine Kleinmädchen-Traumwelten passte, er war wie ein Fremdkörper. Mama schimpfte mit mir und ermahnte mich, dass man so etwas nicht sagt, ich habe wohl nur irgendwie angeekelt geguckt, dann zu ihr und irgendwas gebrabbelt wie „der Mann…. ähhh ihh *grein*“. Da fällt mir ein, mein Großvater hatte so ab seinen Siebzigern bis er starb, auch recht viele Falten, hauptsächlich um die Augen, er war sehr schlank und drahtig, aber sah auch alt aus. Allerdings scherzte er viel mit mir, deswegen mochte ich ihn gerne. Lachen ist ja eh das beste Facelift. So lange die plastische Chirurgie etc. noch nicht so weit ist, dass ich mal NICHT denke „sieht gemacht aus“, versuche ich es mit Heiterkeit. Nur der Eitelkeit wegen versteht sich. Natural Facelift 🙂 Apropos Rauchen im hohen Alter anfangen: Senta Berger hat neulich erzählt, dass sie mit Siebzig angefangen hat, vorher hat sie nie geraucht. Soll keine Empfehlung sein, aber mal eine mit echtem Genuss, gelegentlich, das hat schon was. Ich könnte noch so viel zum dem Thema loswerden, aber ich will auch noch andere zu Wort kommen lassen!
Ich hatte das bisher nie, dass ich zurückschaute, aber vielleicht kommt es noch. Ich werde nächstes Jahr 60. Was ich sagen kann: Diese Zahl hat überhaupt nichts mit mir zu tun, außer dass es mein Alter ist. Das ist so paradox, ich werde 60 und das ist mir so fremd. Aber eigentlich wollte ich hie was Witziges schreiben, mir fällt nichts ein. Du jedenfalls, du wirst eine kreative, witzige, gut- und jungaussehende Alte werden, das weiß ich. 😀
Das kann ich total gut verstehen, dass sich die 60 so paradox anfühlt. Ich weiß noch, wie meine Großeltern 60 geworden sind. Ohne meiner geliebten Oma zu nahe treten zu wollen – aber von der gefühlten Jugendlichkeit her liegen da Welten zwischen euch. Das kann man eigentlich gar nicht vergleichen.
Heute heißt es ja gern: „60 ist das neue 40.“ George Clooney, Idol meiner Jugend, ist 65 – das kriege ich auch nicht in meinen Kopf. Vielleicht müsste mit steigender Lebenserwartung irgendwann auch das statistische Seniorenalter hochgeschraubt werden. Und unsere Nachfahren gelten dann erst mit 80 als „älter“. 😄
Und vielen lieben Dank für dieses schöne, aufbauende Kompliment 😍🫶🏼 Das kann ich nur zurückgeben! Du wirst eine coole, witzige, schlaue, schöne Alte sein, die irgendwo am griechischen Meer sitzt, mit großem Hut und sehr lässig raucht. Schließlich willst du ja im hohen Alter wieder damit anfangen. 😄