Alles fing damit an, dass ich nicht mehr in mein E-Mail-Konto reinkam. Die Mailadresse, die ich seit ungeheuerlichen 18 Jahren benutzte. Das Passwort für die damalige Backup-Adresse – tigerli007@aol.com – habe ich natürlich längst vergessen. Kurz: Kein Zugriff mehr auf meine seriöse Hauptadresse, über die seit zwei Jahrzehnten Jobs und Kontakte laufen. Sämtliche Adressen im dortigen Adressbuch. Nicht auszudenken, was seit zwei Monaten dort eintrudelt, ohne dass ich reagieren kann. Einladungen sind nachweislich noch dorthin verschickt worden, obwohl ich längst eine neue Adresse kommuniziert habe. Aber die Mühlen malen auch im Cyber Space langsam. Man glaubt nicht, wie viele Anläufe es braucht, bis Menschen in ihren Verteilern eine Mailadresse ersetzen.
Man glaubt aber auch nicht, wie hirnrissig manche Portale programmiert sind. Zalando zum Beispiel: Einfach eine neue Mailadresse eintragen? Geht nicht. Der Sicherheitscode wird an die alte Mail geschickt, mit der ich die neue freischalten soll. In die alte komme ich ja nicht rein! Der Kundenservice bestätigte: Problem bekannt. Die Lösung: Ich solle dem Datenschutz-Team vom Technischen Support schreiben. Habe ich sofort getan. Vor sechs Wochen. Seitdem: Funkstille. Wahrscheinlich wimmelt mein altes Postfach jetzt vor Sicherheitscodes – und Hollywood-Anfragen und hochkarätigen Party-Einladungen, natürlich.
Aber wer braucht heute noch E-Mails? Geht doch auch alles übers Handy. Tja. In derselben Woche wurde mein Handy gesperrt. Auf einer feuchtfröhlichen Feier hatte ich es ausgeschaltet, um Akku zu sparen und beim Wiederanschalten – nicht mehr ganz klar – die PIN drei Mal falsch eingegeben. Aus die Maus. Rettung: Die PUK. Aber die hatte ich natürlich nicht. Weder auf der Party noch zu Hause, wo ich sämtliche Schubladen und Schränke durchwühlte. Am nächsten Morgen war ich mit meinem Freund U. in unserem Stammcafé verabredet. Wir sind beide nie pünktlich bei unseren Treffen und ich konnte ihm diesmal keine Nachricht schicken, dass ich mich verspäten würde – nicht mal eine Mail.
Also saß ich erstmalig pünktlich in dem Café und wartete auf ihn. So muss sich das Leben in den Achtzigern angefühlt haben: Man war pünktlich oder man wartete. Ich wollte meine Eltern informieren, dass ich nicht erreichbar bin und bat den netten Cafébesitzer um sein Telefon. Niemand nahm ab. Später stellte sich heraus: Sie hatten die unbekannte Nummer für einen Phishing-Anruf gehalten und sogar blockiert.
Mittlerweile war U. gekommen und fuhr mich sofort in den nächstgelegenen Handy-Shop meines Mobilfunkanbieters. Der Ladenbesitzer, ein Mittfünziger mit Seemannsbart, freundlichen blauen Augen und Totenkopfringen an sämtlichen Fingern, ermittelte meine PUK und mein Handy war wieder freigeschaltet. Ich war überglücklich.
Plötzlich runzelte er die Stirn, mit Blick auf seinen Monitor. „Ihr Vertrag ist ja total veraltet. Sie zahlen zu viel Geld bei der Leistung.“ Er empfahl mir den Wechsel zu einem anderen Mobilfunkanbieter, bei dem ich 15 Euro im Monat sparen würde. Und besseren Empfang hätte, wenn ich mal unterwegs in Brandenburg sei. Er würde die Kündigung und die Mitnahme meiner Rufnummer beim bisherigen Anbieter in die Wege leiten. Glücklich und dankbar, dass mein Handy wieder entsperrt war, war ich empfänglich für jegliche Verkaufsangebote. Leider lasse ich mir in solchen Momenten immer leicht was aufschwatzen. Vor einigen Jahren habe ich mir beim Entsperren eine SMS-Flat verkaufen lassen. Für fünf Euro im Monat. Zu einer Zeit, als kein Mensch mehr SMS schrieb. Ich bin wie eine leichtgläubige Omi, der man ein Kombi-Abo „Apothekenrundschau“ und „Das goldene Blatt“ aufdrückt. Ich unterschrieb also.
Ein paar Wochen später: Mahnung im Briefkasten. Der alte Anbieter hatte der Rufnummernmitnahme zugestimmt, mir aber parallel eine neue Kundennummer samt neuem Vertrag angelegt. Die Rechnungen dafür gingen – natürlich – an meine alte E-Mail-Adresse. Nun habe ich zwei Handyverträge und keine Mail. Im Login erscheinen Fehlermeldungen. Der Totenkopfring-Mann schob alles auf die Hinterlistigkeit des alten Anbieters. Ohne alte SIM könne er nichts tun. Die finde ich nicht. Alle Schubladen und Schränke durchwühlt. Ich solle umgehend per Einschreiben kündigen.
Ich fühle mich wie eine Figur in Franz Kafkas „Das Schloss“. Nur dass ich nicht ins Schloss will. Ich will nur in mein Postfach.
Kafkaesk, Definition Duden: „in der Art der Schilderungen Kafkas; auf unergründliche Weise bedrohlich“. Oh ja, in der Tat fühlt es sich bedrohlich an. Und vor allem unfassbar nervig – als ob man nicht schon genug um die Ohren hätte.
Wenigstens kann ich immer noch meine Kolumne hochladen und das alles mit der Welt da draußen teilen.
Mit jeder Zeile wuchs mein Mitleid und auch mein Ärger. Wir sind durch dieses kleine Ding so ferngesteuert. Ich fand letztes ein altes NOKIA in meiner Schublade (ein Blackberry auch!), da dachte ich, Mensch, ich stecke meine Karte um und mache voll auf „Ich bin jetzt mal cool und verzichte auf mein Smartphone“. Das geht nicht! Das geht gar nicht. Dieses kleine Gerät ist meine gesamte Existenz. Irre, was ich hier gelesen und wirklich tief miterlebt habe. Hast du denn für solche Katastrophen nicht einen IT-Mann/-Frau, denen du voll vertraust? Die können manchmal zaubern! So wie Osteopathen, wenn kein Arzt und keine Pille mehr hilft. Ich jedenfalls habe sofort deine Adresse geändert 😀 Viel Glück weiterhin! Was für ein Horror!
Ach herrjemine….. du Arme…wie abhängig wir doch von diesen Dingen sind… Den Fall, dass manche Menschen nicht ans Telefon gehen, hatte ich letztens erst mit unserer älteren Nachbarin. Sie hatte einen Wasserrohrbruch und ich wollte sie entsprechend informieren. Da sie meine Nummer vergessen hat einzuspeichern und gerade mit dem Auto gefahren ist, konnte sie meine Nachrichten nicht lesen. Ans Telefon ging sie nicht (da es ja eine für sie unbekannte Nummer war) und so kam es, dass ich schlussendlich die Feuerwehr rief – schließlich lief das Wasser schon ein paar Stunden und auch dachte ich , ihr könnte etwas zugestoßen sein. Nun stelle ich mir die Frage: warum? Was kann passieren? Ich kann auflegen, sollte es zu merkwürdig oder nervig sein… Ich gehe einfach nicht mit ‚Ja‘ ans Telefon (wegen eventueller Mitschnitte). Habe ich da etwas verpasst?
Das Ende der Geschichte: Feuerwehr ist gerufen, meine Kids schon ganz aufgeregt, da kommt die Nachbarin nach Hause.
Liebste Grüße
Liebe Mareike, oh Gott – dieser Fall, den du beschreibst, steigert ja wirklich alles, was wir hier schon an digitalen Verwicklungen zusammengetragen haben. Wasserrohrbruch bei der älteren Nachbarin, die unterwegs ist, nicht ans Telefon geht und nichts lesen kann, weil sie Auto fährt – was für eine Verkettung unglücklicher Umstände! Franz Kafka meets Woody Allen. Ich hätte genauso reagiert und die Feuerwehr gerufen.
Und deine Frage ist ja berechtigt: Was kann eigentlich passieren, wenn man ans Telefon geht? Man kann jederzeit auflegen, wenn es merkwürdig wird. Ich habe mir das bei den letzten anonymen Anrufen auch gedacht und bin „mutig“ rangegangen. Prompt meldete sich eine roboterhafte Stimme: „Dies ist ein Anruf von PayPal. Wir haben in Ihrem Account eine ungewöhnliche Zahlung festgestellt. Bitte drücken Sie die Taste Eins…“ – und ich habe sofort wieder aufgelegt.
Dein Ansatz, nicht mit „Ja“ zu antworten, klingt vernünftig. Vielleicht ist das die neue Etikette: rangehen, kurz lauschen, bei Bedarf auflegen. Hoffentlich konnte die Feuerwehr einen größeren Schaden verhindern und alles ist noch glimpflich ausgegangen! 💝🍀
Liebste Grüße!
Ja Wahnsinn, dass Du hier noch reinkommst! Klingt ja alles wie verhext.
„So muss sich das Leben in den Achtzigern angefühlt haben: Man war pünktlich oder man wartete.“
Ich praktiziere das ja heute noch. Komme selbst auch schon mal später, aber nicht soo viel später, dass man gleich Botschaften darüber verfassen müsste.
Mein weitgehend smartphoneloses Privatleben legt mir da natürlich auch Stolpersteine in den Weg, vergleichbar mit Deiner Lage, wo Du schreibst: „Ich wollte meine Eltern informieren, dass ich nicht erreichbar bin und bat den netten Cafébesitzer um sein Telefon. Niemand nahm ab. Später stellte sich heraus: Sie hatten die unbekannte Nummer für einen Phishing-Anruf gehalten und sogar blockiert.“
Ich war vor drei Jahren im ICE unterwegs nach Süddeutschland, knapp kalkulierte Verbindung, um einen Termin bei einem Notar wahrzunehmen, der meine persönliche Anwesenheit inclusive Unterschrift erforderte, ging um eine notariell beglaubigte Erklärung zur Überlassung meines Elternhauses an meinen Neffen, der auch geladen war. Mein Neffe hat natürlich ein Smartphone und ich habe seine Nummer, für den Fall der Fälle. Der trat nun ein. Der gebuchte ICE hatte beträchtliche Verspätung, ich musste eine andere Verbindung nehmen, die aber ebenfalls zu einem späteren Eintreffen beim Notar führen würde. Aber nicht zu spät, mit Ach und Krach eine Punktlandung. Das wollte ich nun meinem Neffen kommunizieren, der mich vom Bahnsteig abholen wollte, einem anderen Bahnsteig, dem der ursprünglichen Verbindung. Ich bat eine Mitreisene auf dem Bahnsteig darum, mal kurz telefonieren zu dürfen, haben ja alle Flatrates. So geschehen, es kam die Ansage, dass der Angerufene nicht erreichbar ist, ich konnte auch nichts auf die Mailbox sprechen, die war aus. Ich rannte aus dem Bahnhof, suchte ein Taxi und hoffte, dass mein Neffe von selbst auf die Idee käme, dass er besser zum Notarbüro fährt, als nach mir zu suchen. Genau das hatte er gemacht, ich kam ziemlich pünktlich zum Termin mit dem Taxi an, er war schon da und erklärte mir, dass er auf seinem Smartphone eine Sperre für unbekannte Anrufer eingerichtet hat, deshalb konnte ich ihn mit dem Apparat der Mitreisenden nicht erreichen.
Das mit Deinem unerreichbaren Mailpostfach finde ich aber doch recht seltsam, da muss es doch eine Lösung geben…?
Liebe Gaga, ich bewundere Dich ohnehin dafür, dass Du weitgehend ohne Smartphone auskommst – übrigens ganz in der Tradition von Keith Richards und Christopher Walken (wie man sagt). Deine ICE-Notar-Mission zeigt: Auch ohne Smartphone gelangt man ans Ziel – allerdings mit deutlich mehr dramaturgischem Aufwand. Herrlich übrigens, dass Dein Neffe unbekannte Anrufe von vornherein sperrt. So weit bin ich noch nicht – ich gehe einfach nicht ran. Wer wirklich etwas will, spricht auf die Mailbox. Mein bisheriges E-Mail-Postfach bleibt derweil verschollen.
Je länger ich gelesen habe, umso größer wurde mein Mitgefühl und mir fiel ein, dass ich seit drei Wochen mit der größten Geduld versuche, zwei Zahlungen zu stornieren und komme einfach nicht weiter.
Es sollte mal jemand den volkswirtschaftlichen Schaden errechnen, der durch die schier endlosen Warteschleifen entsteht.
Ich wünsche Dir gutes Gelingen.
Liebe Grüße von Eduard 👍🙏✌️
Danke, lieber Eduard, fürs Mitfühlen ! Oh je, das klingt sehr nervig mit den Stornierungen. Der volkswirtschaftliche Schaden der Warteschleifen ist vermutlich enorm – emotional ohnehin unbezahlbar. Dazu die unzähligen nicht mehr aktiven Kundenkonten, die im Cyberspace vor sich hin geistern… Ich wünsche Dir starke Nerven und viel Erfolg beim Stornieren! 💪🏼💝
Ich sag’s Euch: Ich trauere der analogen Welt schon immer nach. Was waren das doch für schöne langweilige, überschaubare Zeiten.
Ja, ich weiß, Ihr jungen Leute könnt das nicht verstehen.
Ich liebe mein Smartphone und dass ich es ganz gut bedienen kann- natürlich mit Einschränkungen, aber diese kann ich gut mit meinem persönlichen Datenschutzbeauftragten kompensieren. Tja, bei den modernen Medien liegen Fluch/Horror und Segen ganz dicht nebeneinander.
So ist es, liebe Maman… Zum Glück hast Du deinen persönlichen Datenschutzexperten an Deiner Seite 😜😅❤️