„Die Methode, mit der Sie garantiert nach 15 Minuten einschlafen!“ lese ich beim nächtlichen Internet-Leerlesen. Ich bin empfänglich für solche Versprechungen. Ich habe wirklich alles ausprobiert.
Es gibt zwei Sorten von Menschen: Solche, die nach fünf Minuten einpennen (auch im Arzt-Wartezimmer, wo sie schnarchen wie ein sibirisches Wildschwein) und jene, die bis vier Uhr morgens die Probleme der Welt wälzen. Ich gehöre zur zweiten Gattung. Ich würde ja gerne zum sogenannten 5-Uhr-Club gehören – ist nur schwierig, wenn man erst um 3 Uhr einschläft.
Also, wie geht die Wundermethode, „Cognitive Shuffle“ genannt?
Ein beliebiges Wort nehmen. Buchstaben für Buchstaben durchgehen. Sich zu jedem Buchstaben spontan ein Bild vorstellen, das mit dem gleichen Buchstaben beginnt. Am besten funktionieren Substantive. Nicht groß überlegen, sondern nehmen, was angeflogen kommt. Nur kurz beim jeweiligen Bild verweilen und dann weiter zum nächsten gehen.
O-S-T-E-R-H-A-S-E. Ohr-Schokolade-Theo-Eis-Ring-Hund-Affe-Sonne-Esel.
F-R-A-N-K-F-U-R-T. Fernsehturm-Roller-Apfel-Nashorn-Karl-Fuchs-Uli-Reh-Torte.
Ich wache auf. Es ist 7 Uhr. Wie bin ich….? Bin ich tatsächlich eingeschlafen? Anscheinend funktioniert die Methode! Werde ich gleich heute Abend wieder ausprobieren.
Entwickelt wurde sie von dem kanadischen Kognitionswissenschaftler Luc P. Beaudoin.
Der wissenschaftliche Name lautet „Serial Diverse Imagining“ (SDI). Die Idee: Das Gehirn bekommt harmlose, neutrale Bilder und wird sanft beschäftigt. Das Grübeln wird unterbrochen und die Gedanken werden immer fragmentierter. Genau dieses lose Bilder-Durcheinander ähnelt dem Zustand, in den unser Gehirn natürlicherweise kurz vor dem Einschlafen geht. Mein Gott, wie viele schlaflose Nächte hätte ich mir damit sparen können. Und wie viele Rotweingläser – die das Einschlafen erleichterten, aber keinen besseren Schlaf brachten.
Man kann auch das Alphabet durchgehen und Bild-Assoziationen für jeden Buchstaben nehmen. Angeblich schlafen die meisten Menschen vor M oder N ein.
Am 13. März ist der Weltschlaftag (World Sleep Day). Er findet jedes Jahr am Freitag vor der Tagundnachtgleiche im März statt. Organisiert wird er von der Word Sleep Society, die weltweit auf die Bedeutung von gesundem Schlaf aufmerksam machen und über die Risiken von Schlafmangel aufklären will. Ein Feiertag für etwas, das wir alle jeden Tag tun – und das trotzdem ständig zu kurz kommt.
Schlaf ist, glaube ich, die einzige Tätigkeit, bei der wir stolz erzählen, wie wenig wir davon bekommen. „Ich habe nur vier Stunden geschlafen!“ – als wäre das eine olympische Disziplin.
Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Gerücht, sie schlafe prinzipiell nur vier bis fünf Stunden, später selbst relativiert. Sie erklärte, über einige Tage mit sehr wenig Schlaf auskommen zu können, brauche dann aber Phasen, um Schlaf nachzuholen – allein, um „einigermaßen konstante Laune zu haben“. Sie schrieb sich auch selbst eine „kamelartige Fähigkeit“ zu, Schlaf als Vorrat zu speichern.
Warum gilt wenig Schlaf bei vielen Menschen immer noch als Zeichen von Leistungsfähigkeit? Die Forschung sagt nämlich das Gegenteil.
Schon eine einzige Nacht ohne Schlaf verändert messbar die Vernetzung unseres Gehirns – mit Folgen für Aufmerksamkeit, Stimmung und Denkprozesse.1
Wer besser schläft, ist nicht nur fitter – sondern auch kreativer.2 Schlechter Schlaf beeinträchtigt Gedächtnis, Emotionen und Entscheidungsfähigkeit gleichzeitig. Die Effekte treten bereits nach kurzer Schlafreduktion auf.3 Mein tiefstes Mitgefühl gilt meiner Freundin A., die seit sechs Monaten nicht durchschläft, weil ihr Baby das anders sieht.
Die Schlafmedizin empfiehlt für Erwachsene etwa sieben bis neun Stunden Schlaf pro Nacht. Studien zeigen: Am gesündesten scheint ein Bereich von rund sieben bis acht Stunden zu sein. Der frühere US-Präsident Barack Obama sagte einmal, er versuche rund sieben Stunden zu schlafen. Donald Trump brüstete sich in Interviews, dass er nur vier bis fünf Stunden pro Nacht schläft. Offenbar beginnt gute Führung manchmal mit etwas ganz Unpolitischem: genügend Schlaf.
Schlaf ist also wichtig, wissenschaftlich gut erforscht – und inzwischen auch ein ziemlich gutes Geschäft. Die perfekte Matratze, das Overnight-Serum für seidiges Haar am Morgen, die Overnight-Cream für den Glow am Morgen, die Overnight-Oats für den perfekten Kick am Morgen. Der Schlaf selbst ist kostenlos. Aber das Drumherum hat inzwischen einen stolzen Preis.
Mein Freund T. kuschelt sich seit Jahren jeden Nachmittag in ein kreisförmiges Fenstersims und hält vor seinen Mitarbeitern einen 20-minütigen Mittagsschlaf. Damit macht er laut Studien alles richtig, denn ein kurzer „Power Nap“ von etwa 10 bis 20 Minuten soll Aufmerksamkeit, Stimmung und Leistungsfähigkeit verbessern. Bei mir ist die Sache mit dem Mittagsschlaf durch, seit ich im Kindergarten war. Damals in den Achtzigern musste ich immer zur Strafe in der Ecke stehen, weil ich nicht schlafen konnte und angeblich die Mittagsruhe störte. Ich erinnere mich an jahrelange Nachmittage in der Ecke. Zum Glück sind die Zeiten vorbei und kein Kita-Kind wird heute zum Schlafen gezwungen.
Ich finde den Gedanken faszinierend, dass wir alle schlafen müssen. Dass wir im Schlaf alle gleich sind. Der US-Präsident sabbert und schnuffelt genauso wie ein Milizführer, eine Professorin, ein Hollywoodstar, ein Kanalarbeiter oder ein Baby. Selbst der fieseste Mensch ist schutzlos. Im Schlaf zählt nichts von dem, was uns tagsüber so wichtig erscheint.
Rang und Rolle verlieren ihre Bedeutung. Zumindest für ein paar Stunden.
Das mit dem „Serial Diverse Imagining“ kannte ich noch nicht und werde es gleich beim nächsten Wachliegen mal probieren. Gelacht habe ich über den letzten Absatz. Und mit dem kann ich mehr anfangen, als „stell sie dir alle auf dem Klo vor“, weil ich mir das partout nicht vorstellen will, aber im Schlaf sind alle gleich, finde ich nett. Und es hat auch was Versöhnlicheres als das Klo. Am besten an diesem Blog finde ich das Foto: Absolut genial. Das erinnert mich an das Käsebrot 😀 😀