Heute vor einem Jahr ist die Mitteschnitte geboren. Ich lag im Hochsommer mit einer Lungenentzündung flach, konnte nicht sprechen, brauchte ein Ventil. Im Fieberwahn bastelte ich mit Bedienungsanleitung diesen Blog zusammen und schrieb zum ersten Mal eine Kolumne. Ahnungslos, wagemutig, neugierig, vielleicht auch naiv. Wie es so ist mit dem ersten Mal. Ich wusste nicht, wo die Reise hingeht. Hatte keine Ahnung, dass ich wöchentlich – später zweiwöchentlich – bloggen würde. Rückblickend kann ich sagen: Es ist ein schönes Gefühl, dass der ersten Kolumne vierzig weitere innerhalb eines Jahres folgten. Ich freue mich sehr und danke euch lieben Lesenden für die Kommentare und Feedbacks, die mich auf verschiedenen Kanälen erreichen.
Erst vorgestern erlebte ich wieder mal ein erstes Mal. Ich habe eine Spinne am Leben gelassen. Bisher bin ich mit meiner Spinnen-Phobie so umgegangen, dass ich beim Anblick einer Spinne in meinem natürlichen Lebensraum sofort Küchenrolle oder Klopapier holte, das Tier mit dem Knäuel erstickte und es mit Gänsehaut am Rücken entweder im Mülleimer entsorgte oder im Klo. Bei letzterem stellte ich mir vor, wie das Insekt in der Kanalisation wiederauferstehen und als Horrorfilm-Arachnophobia-Monsterspinne über das Rohrsystem durch die Spülung zurückkehren würde.
Meine Spinnen-Phobie geht zurück in meine frühe Teenagerzeit, ich erinnere mich aber nicht an einen Auslöser. Am Kopfende meiner Schlafcouch in dem Reihenhaus-Teeniezimmer unterm Dach war eine kleine quadratische braune Holztür in der Wand, die zu einem flachen Hohlraum führte. Ich erinnere mich, dass ich jeden Abend vorm Schlafen diesen Hohlraum auf Spinnen und Käfer abgesucht habe. Sie hätten ja irgendwie in mein Zimmer gelangen können. Es ist in all den Jahren nie ein Insekt aufgetaucht.
Vorgestern jedenfalls entdeckte ich im Wohnzimmer unterm Fenster über der Heizung eine Spinne. Eine dicke schwarze mit kräftigen Beinen, die sich immer wieder krümmten und streckten. Unbekannte Mächte hielten mich davon ab, das Insekt zu töten. Ich spürte eine Bewegung hinter mir: Meine kleine Tochter. Vor ihr wollte ich nicht als Spinnenmörderin dastehen. Sie soll alle Lebewesen achten und respektieren. In meinen Ohren rauschte das Blut und ich sagte zu ihr im Tonfall einer Biologielehrerin: „Oh, eine Spinne! Die wollen wir mal in die Freiheit lassen.“ Statt mörderisches Küchenrollenpapier zu holen, besorgte ich ein Cognac-Glas und eine Ansichtskarte. Das Tier glitt an einem unsichtbaren Faden hinter dem Heizkörper auf und ab. Wir beobachteten es fasziniert. Ich kam mir vor wie eine Mischung aus Peter Lustig und Ranga Yogeshwar, neugierig und liebevoll gegenüber den Phänomenen der Natur. Ich will vor meiner Tochter nicht hysterisch erscheinen, wenn ich Insekten sehe – auch wenn ich es bin. Es schauderte mich innerlich so, dass ich wusste, mir würde das Spinnenglas am offenen Fenster aus der zittrigen Hand entgleiten und einem Touristen auf den Kopf fallen. Deshalb rannte ich nochmal in die Küche und holte einen transparenten Babyplastikbecher. Fachmännisch – fachmännisch? gibt es dafür schon eine Gender-Alternative? – also fachmännisch ließ ich die dicke schwarze Spinne in den Trinkbecher gleiten und verschloss diesen mit der Postkarte. Wir verabschiedeten uns von ihr und ich entließ sie in die Sommerluft. Ich verspürte ein Glücksgefühl – nicht nur, weil es das erste Mal war, dass ich eine Spinne verschont hatte, sondern weil ich ein pädagogisch vorzügliches Beispiel abgegeben hatte.
Auf der erwähnten Schlafcouch im Teeniezimmer erlebte ich übrigens nicht mein erstes Mal, jedoch meinen ersten Zungenkuss. Ich war 14, er ein Anfang zwanzigjähriger aus Algerien stammender Franzose, der behauptete, 17 zu sein. Was ich ihm nicht glaubte. Aber ich hatte mich schon ein bisschen verliebt. Der Kuss war schrecklich. Als ob eine Hundeschnauze einem das ganze Gesicht vollsabbern würde. Ich hatte daraufhin ein Jahr lang eine Kussphobie. Von dieser wurde ich aber mit 15 geheilt dank Tobi, einem 19-jährigen langhaarigen Schwaben auf der Schwäbischen Alb, der mein erster Freund wurde. Kann man ein zweites erstes Mal erleben? Ganz sicher!
Was passiert, wenn wir etwas zum ersten Mal tun – im Kopf, im Körper?
Im Kopf: Das Belohnungssystem springt an, Dopamin wird ausgeschüttet. Der Hippocampus speichert die Erfahrung nachhaltig, weil Dopamin die Gedächtnisbildung unterstützt. Die Amygdala koppelt starke Gefühle hinzu und verankert das Erlebnis so dauerhaft im Gedächtnis. Im Gehirn werden neue Verknüpfungen gebaut (Neuroplastizität) – voll gut übrigens für kreatives Denken und Lernfähigkeit!
Im Körper: Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin kurbeln Kreislauf und Atmung an, Muskelspannung und Hautdurchblutung steigen. Erste Male fühlen sich intensiver an, weil Kopf und Körper gleichzeitig auf Hochspannung laufen. Sie brechen die Routine.
Forscher der University of Toronto zeigen sogar in ihrer aktuellen Studie: Schon ein neues Erlebnis pro Tag fördert Gedächtnis und Wohlbefinden.1 Das können auch kleine neue erste Male sein, wie zum Beispiel eine andere Wegstrecke zur Arbeit oder das Ausprobieren eines neuen Cafés.
Die Mitteschnitte schwebt jetzt erstmal in ihr zweites Lebensjahr und wird sicherlich noch so einige erste Male erleben und mit euch teilen. Und was waren eure schönsten, verrücktesten, unvergesslichsten? Schreibt mir gerne hier oder auf eurem Wunschkanal.
Ich zünde jetzt die Geburtstagskerze an. Cheerio!
Mausi – herzlichen Glückwunsch zum 1. Geburtstags deines Blogs ….Wahnsinn wie die Zeit vergeht! Ich liebe Deine charmanten Texte und Gedanken und bin schon ganz gespannt auf das nächste Jahr 😉 Übrigens ist ja meine Tochter auch gerade 1. Jahr geworden …vielleicht gibt es hier ein paar Parallelen und erste Male! 💕auf jeden Fall stoßen wir gleich auf Dich an, Mausi! Du bist nämlich gerade auf dem Weg zu mir….der Sekt steht schon kalt (auf Deinen Wunsch hin alkoholfrei) 🤣
So lieben Dank, Mausi! 😍 Es war ein herrlicher Abend mit dir! 💖 Und dass deine Kleine und die Mitteschnitte fast gleich alt sind und vielleicht noch so einige erste Male gemeinsam erleben werden, ist eine bezaubernde Vorstellung! 🫶🏽 Der Sekt war übrigens fantastisch! 🥂😄
Mausi – herzlichen Glückwunsch zum 1. Geburtstags deines Blogs ….Wahnsinn wie die Zeit vergeht! Ich liebe Deine charmanten Texte und Gedanken und bin schon ganz gespannt auf das nächste Jahr 😉 Übrigens ist ja meine Tochter auch gerade 1. Jahr geworden …vielleicht gibt es hier ein paar Parallelen und erste Male! 💕auf jeden Fall stoßen wir gleich auf Dich an, Mausi! Du bist nämlich gerade auf dem Weg zu mir….der Sekt steht schon kalt (auf Deinen Wunsch hin alkoholfrei) 🤣
„Kann man ein zweites erstes Mal erleben? Ganz sicher!“
Und noch öfter. Nennt sich MONTAG! 😀
Und noch öfter: Man will etwas so Schönes kommentieren, wie es sich für deinen Blog gehört, und nie fällt einem was ein.
Herzliche Glückwünsche!
Ich will nicht mehr ohne Mitteschnitte sein 😀 😀
Und ich nicht mehr ohne deine Montagsfreude! 😄👏🏽 Vielen lieben Dank, liebe Montagsmarie! 💝 Ach Mensch, morgen ist ja schon wieder Montag! 😘
Herzlichen Glückwunsch zum 1. Geburtstag der Mitteschnitte, Saski.
Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Mir ist, als wäre es gestern gewesen, als Du uns von den ersten Gedanken Deines Vorhabens berichtet hast.
Alle Achtung, wie Du Deine Spinnenphobie für C. im Zaum gehalten hast. Tja, was tut man als Mama alles für sein Kind/ Kinder! C. hat letztes Wochenende in unserem Garten unbewusst eine Gottesanbeterin berührt. Ganz cool ist jeder der beiden danach des Weges gegangen. Wir waren ganz stolz auf unsere kleine Süßmaus. Wir kannten ja von der Mama bei solchen Begegnungen ganz andere Reaktionen.
Aber dass Dein algerischer Franzose bei uns im und nicht nur vor dem Haus war, dass haben wir erst heute erfahren. Oder sollten wir es wirklich verdrängt haben???
Ganz lieben Dank, liebe Maman! 😍🫶🏽 Das ist ja lustig mit N., dass Ihr euch nicht mehr daran erinnern könnt, dass er bei uns im Haus war – ich glaube Ihr habt es wirklich verdrängt 🤣 Es ist ein Geschenk, dass C. als Mitte-Kid bei Euch Natur erleben kann ❤️
„Kann man ein zweites erstes Mal erleben? Ganz sicher!“
Ein schöner Gedanke.
Ich hab mich früher auch vor Spinnen und Weberknechten geekelt, vor letzteren sogar noch mehr… dass ich sie mit einem Glas fange und nach draußen setze, hat nun schon eine viele Jahre lange Tradition, ist aber immer wieder aufregend. Einmal, auf Hiddensee, hatte ich im Schlafzimmer eine große (für mich) exotische Spinne über dem Türstock und traute mich nicht, sie zu entfernen. Sie war so groß. Bestimmt 5 – 6 cm, ich hatte Respekt. Ich beobachtete nur, ob sie sich Richtung Bett bewegte, das war nicht der Fall, sie hatte ihren Lieblingsplatz gefunden. So verbrachte ich den ganzen Urlaub mit ihr und fing an ihr Aussehen zu bewundern, das schön gemusterte karamellfarbene Spinnenkleid der „Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus)“. Wir wurden fast ein bißchen Freunde 🙂
Schön, dass es die Mitteschnitte und ihre Geschichten gibt. Dich, Saskia <3
Danke, liebe Gaga! ❤️ Mein Gott, Deine Riesenspinne aus Hiddensee hat mich gerade in Schockstarre versetzt 😂 Hätte ich niiiiie auf Hiddensee vermutet! Thailand, Indoniesen… keine Ahnung!! Stelle ich mir gerade köstlich vor, wie Du auf der Lieblingsinsel deiner Urgroßtante Asta Nielsen weilst, vielleicht gerade vor der Bettruhe noch in ihren Memoiren blätterst… Sanddornduft im salzigen Abendwind, sanftes Flattern der Vorhänge – und plötzlich entdeckst Du dieses Riesenvieh! Ich hätte mich auch niemals getraut, sie zu entfernen! Wie toll, dass Du ihre Schönheit erblickt hast und Ihr sogar Urlaubsfreundinnen wurdet! 😍 Was für eine schöne Geschichte… Meine erste Assoziation, als ich das Muster ihres Corpus‘ bewunderte: Dein Kunstwerk „In Memoriam David – Space Oddity“!! https://www.flickr.com/photos/gaganielsen/48667046171/in/album-72157710757638998/lightbox/ Oh ich lese gerade, Gartenkreuzspinnen haben acht Augen. Und die Männchen werden nach der Paarung hin und wieder vom Weibchen aufgefressen. Oha! 😆
OMG – ja die Musterung von meinem Spinnenurlaubsflirt und Davids Grabmal – – – da hat mein Unterbewusstsein aber sehr interessant gearbeitet 🙂