Draußen sind es spätsommerliche 27 Grad Celsius und ich stehe im Wintermantel mit Schal im Kinderzimmer meiner Tochter. Die Weihnachtssaison ist eröffnet. Noch nicht in den Supermärkten, sondern in der Werbebranche. Mein erstes E-Casting des Jahres für einen Weihnachts-Werbespot. E-Casting heißt, statt in einem Castingstudio vorzuspielen, filme ich mich selbst zu Hause und lade das Ergebnis anschließend hoch.
Während sich draußen die Leute im Park sonnen, drücke ich meinem imaginären Ehemann eine schwere Tüte mit Weihnachtseinkäufen in die Hand. Da ich allein zu Hause bin und keinen Anspielpartner habe, lasse ich die Tüte in hohem Bogen auf einer Kommode verschwinden. Sie fällt um. Mist. Der sorgfältig drapierte Inhalt – diverse Plastikflaschen und Lebkuchendosen – poltert auf den Dielenboden.
Ich reagiere in meiner Rolle kurz darauf und spreche den vorgegeben Text in die Kamera. Vielleicht ist es sogar dieser Take. Gerade weil etwas Unvorhergesehenes passiert ist. Die anderen zehn Versuche waren schließlich auch nicht besser. Man hat ja keine Regie, die irgendwann sagt: „Den nehmen wir.“
Ok, im Kasten. Ich reiße mir Schal und Wintermantel vom Leib und renne ins Schlafzimmer, um mich für die nächste Szene umzuziehen. In der soll ich in der alljährlichen Familienhektik den Weihnachtsbraten bepinseln. Praktisch, dass meine Tochter im Kinderzimmer eine Spielküche hat. Der Plüschbraten mit den Plastikknochen darf als Weihnachtsgans herhalten.
In zwei Stunden ist Deadline. Bis dahin muss alles hochgeladen sein. Mehrere Szenen, mehrere Varianten, möglichst für jedes Nasenloch eine. Dazu eine Selbstvorstellung und tagesaktuelle Fotos. Nein, die professionellen Schauspielerfotos reichen nicht. Es müssen tagesaktuelle sein. Kann ich sogar verstehen – da gibt es auf Kundenseite bestimmt hin und wieder Überraschungen. Und wenn wir schon dabei sind: Bitte verschiedene Einstellungen. Und die Hände. Vorder- und Rückseite.
Die Zeit läuft. Noch habe ich Ruhe. Jeden Moment können mein Freund und unsere Tochter zurückkommen. Er ist krank und siecht mit der Kleinen auf dem Spielplatz herum, damit ich „in Ruhe“ mein Casting machen kann. Denn E-Casting mit kleinem Kind ist ein ganz anderes Level. Ungefähr wie Homeoffice mit einem sehr jungen, noch nicht dressierten Hund.
Die Königsdisziplin allerdings ist: E-Casting mit Kind im Urlaub. So wie es uns kürzlich geschah. Mein Freund ist auch Schauspieler und mitten in unserem Bauernhof-Urlaub an der Eckernförder Bucht ereilte ihn ein kurzfristiges Casting. „Kurzfristiges Casting“ muss man eigentlich gar nicht mehr dazuschreiben. Die Deadline ist meistens sowieso in 48, gern auch 24 Stunden. Ob du vorher arbeitest, einen anderen Job hast, mit Magen-Darm flachliegst, auf einer Beerdigung bist, ein Kind gebärst oder Oma Ernas 90. Geburtstag organisierst, spielt keine Rolle. Können die Castingbüros aber natürlich auch nicht wissen. Der Wahnsinn liegt weniger darin, dass jemand etwas Unmögliches verlangt. Sondern darin, dass dieses „mal eben bis morgen“ längst völlig normal geworden ist.
E-Castings, also selbstgedrehte Castingvideos, sind spätestens seit Corona zum Standard geworden. Früher wurde man noch regelmäßig zum Vorsprechen ins Castingstudio eingeladen, heute passiert das kaum noch. Und ich kann durchaus verstehen, warum man das beibehalten hat. Ich habe selbst einige Jahre nebenbei als Casterin gearbeitet und weiß, wie praktisch es ist, nach einem Aufruf Hunderte Castingvideos zugeschickt zu bekommen, statt mit all diesen Menschen einzeln im Studio zu arbeiten. Produktionen und Castingbüros spart das Zeit, Organisation und Geld. Für uns Schauspielerinnen und Schauspieler bedeutet es im Gegenzug: Wir haben das Castingstudio jetzt zu Hause.
Jedenfalls ereilte meinen Freund die Anfrage mitten auf dem Bauernhof, zwischen Pferdeäpfeln und Wollschwein-Trog. Zum Glück hatte ich – aus Eingebung? – für den Fall der Falle mein Ringlicht eingesteckt, das ich für die Castings als Handystativ benutze. Die zu spielende Rolle: Ein Staatsanwalt in einer brisanten Besprechung mit wichtigen, auch politischen Akteuren. 20:15 Uhr-Krimiserie. Mein Freund hatte natürlich keine „Anwaltsklamotten“ dabei auf dem Bauernhof. Und die Szene war mit acht weiteren Rollen, darunter ein Mann und eine Frau, die mit ihm interagieren würden. Diese würde ich natürlich off-Camera spielen.
Wir fuhren mit Kind in den nächsten Ort zu einem „Omma-Kaufhaus“ und kauften Anwaltshemd und Krawatte. Doch wo befand sich auf dem Bauernhof eine neutrale Ecke ohne visuelle Ablenkungen, in der man ein Besprechungszimmer der Staatsanwaltschaft inszenieren könnte? Unsere Ferienwohnung kam dafür nicht in Frage. Als Locationscout wurde ich fündig: Eine große weiße Doppeltür in der Spielscheune, in welcher sich unsere Tochter immer austobte, zwischen Bobbycar-Fuhrpark und Kaufmannsladen. Perfekt – kein Schwein würde ahnen, dass sich links und rechts und gegenüber vom Staatsanwalt ein gigantisches Spielparadies auftun würde.
Das Ringlicht aufgebaut, mein Freund drehfertig vor der weißen „Bürotür“ und ich bereit, in der Szene mit dem Text in der Hand von der linken Seite des Ringlichts auf die rechte zu hüpfen, so dass der Staatsanwalt glaubhaft mit Mann und Frau in verschiedene Richtungen spielen konnte.
Ich: „Kamera läuft – und bitte!“
Plötzlich Trippelgeräusche, Klappern und lautes Tönen. Unsere Tochter rast mit einem Piratenschiff über den Spielteppich. Die vorherige Bitte, mal für „ein paar Minuten“ stumm ein Buch anzuschauen: offenbar vergessen.
Es wurde von Take zu Take auch nicht besser. Auch nicht, als sie im Hintergrund flüsterte. Am Rande des Wahnsinns flehten wir sie an, nur mal kurz stumm wie ein Fisch zu sein. Sie würde auch ein Eis bekommen. Bestechung ist pädagogisch ganz schlecht, ich weiß. Aber wir konnten dann endlich das Casting machen.
Und diesmal hat es sich gelohnt: Er hat den Dreh bekommen.
Während ich meine Handykamera für die nächste Weihnachtsszene einrichte, muss ich an meinen Schauspielkumpel M. denken, der mich am Tag zuvor angerufen hat. Wir kennen uns seit über 20 Jahren. Genauso lange wünsche ich ihm, dass er endlich Schimanski 2.0 wird – vom Typ her würde es definitiv passen.
M. am Telefon: „Stell dir vor, ick hab gerade den Werbespot von ’nem Casting jesehn, wat ick neulich hatte! Komplett anderer Typ als ick. Da frachste dich doch, wat die eigentlich jesucht haben! Warum die mich überhaupt anjefragt haben! Und die Anfrage kam natürlich mal wieder von heute uff morgen. Nen richtig langen Monolog musst ick lernen! Mann, hab ick mir dit Ding rinnjehämmert. Sogar beim Arbeiten inner Werkstatt!“ (M. ist neben der Schauspielerei auch Automechaniker und hat seine eigene Werkstatt. Nicht selten hat er beim Zahnriemenwechsel Theatermonologe rezitiert.)
Er macht sich Luft und beginnt, den Castingtext wiederzugeben. Ich denke: ‚Moment mal! Den kenn ich doch!‘ und spreche den Monolog synchron mit M. weiter. Der ist entsprechend verdutzt. Wir wurden für dieselbe Rolle gecastet. Aber ich habe hier ja auch irgendwann mal erwähnt, dass ich ein Casting machen sollte für eine Rolle, für die sich der Kunde auch einen Typ wie Bergsteiger Reinhold Messner vorstellen konnte.
Ich erinnere mich an das Casting. Von heute auf morgen, längerer Monolog. Alter der Rolle: 35 bis 55 Jahre, Mann oder Frau. Mein erster Gedanke: „Die wissen nicht, was sie wollen.“ Aber der Monolog war wirklich witzig und ich habe das Casting gemacht. Ich brauchte dafür weder einen Anspielpartner als Kind, Lover oder Ehemann – wofür schon des Öfteren aufgrund von Kurzfristigkeit mein großer Monchichi herhalten musste – noch musste ich mich wie neulich bäuchlings und laut schreiend auf die Couch werfen und vom Fön anpusten lassen, um eine starke Windböe zu simulieren.
M.: „Willste mal den sehn, der die Rolle bekommen hat? Der Spot is schon fertig.“ Er schickt mir den Link aufs Handy. Wow, spannend, ein komplett anderer Typ als M. Und als ich sowieso. Mir gefällt sein Spiel – es ist leichtfüßig, charmant und humorig. M. schickt mir sein eigenes Castingvideo. Auch seine Interpretation gefällt mir. Sie ist komplett anders – cool, lässig, mit bodenständiger Herzlichkeit. Die eine Interpretation ist nicht besser oder schlechter als die andere. Aber der Kunde hat sich für den anderen entschieden. Aus meiner Zeit als Casterin weiß ich, dass am Ende hundert Dinge eine Rolle spielen können, die mit der Qualität des Castings wenig zu tun haben. Typ, Zusammenspiel, Regie, Sender, Nasenform. Und bei Werbung ist es noch komplexer.
M.: „Du, die Wahrscheinlichkeit, dass ick im Lotto jewinne, is größer, als wenn ick ne Rolle beim Casting kriege. Ick hab och schon ’n paar Mal im Lotto jewonnen. Keene Million, aber dit warn och keene kleenen Beträge.“
Ich: „Ja, aba wie im Lotto gilt och beim Casting: Wennde dit nich machst, kannste och nischt jewinnen.“
Das ist auch die Antwort auf die Frage, warum man sich das immer wieder antut: Bundesweit gegen Hunderte von Kolleginnen oder Kollegen oder gar beides anzutreten.
Mein Weihnachtscasting ist im Kasten. Ich sehe in meinen Mails, dass gerade ein neues Casting angeflogen kam. Finanzdienstleister. Deadline: morgen. Ok, das geht nicht im Kinderzimmer vor der Winnie Pooh-Tapete. Zum Glück hat mein Papa mir im Wohnzimmer einen riesigen Hintergrundvorhang angebaut. Dahinter verschwinden Wäscheberge, Schaukelpferd, Mauseschloss, Wäschetrockner und das allgegenwärtige Bügelbrett. Davor: seriöse Schauspielerin, neutraler Hintergrund.
Die Finanzexpertin spiele ich morgen. Jetzt setze ich erst mal die Kopfhörer auf und mache mich an die Postproduktion. Weihnachtsmaterial sichten und schneiden. Draußen sind immer noch 27 Grad.
Wahnsinn