Wohlig schnurre ich (und grunze innerlich), während die hochdosierte Edel-Pflegekur in meinen Haarschopf massiert wird. In den letzten zwei Stunden wieder viel gelacht mit Max, meinem Friseur. Währenddessen wurden meine straßenköterfarbenen (Friseursprache: mittelblonden) Ansätze gefärbt, so dass sie wieder mit der sonnengebleichten Mähne harmonisieren. Und die Haare auf die von mir bevorzugte Länge gebracht. Gleich werde ich, mit einem Turban um den Kopf, wieder an meinen Platz geleitet, wo diverse Illustrierte und mein Getränk auf mich warten. Friseurbesuche zählen zu meinen geheimsten Vergnügen. Von dem Geld, das ich im Laufe der Jahre in meine Haare gesteckt habe, könnte ich mir wahrscheinlich längst einen Porsche kaufen.
Über die vielen wunderbaren Friseure und Friseurinnen in ganz Berlin, in deren Hände ich mich begeben habe, könnte ich bestimmt einen Roman schreiben. Eine Zeitlang habe ich sogar die Stadtgrenze verlassen und bin für eine Friseurin mit dreimal Umsteigen nach Strausberg getuckelt. Damals ist mir übrigens aufgefallen, dass die Namenskreationen für Friseursalons immer ausgefeilter werden, je weiter man in die Provinz kommt. (Ich sag nur „Haarmonie“, „Haaralds Salon, „Haarakiri“, „Hair we go“, „Haareszeiten“.)
Friseurbesuche sind für mich nicht bloß Friseurbesuche. Und gerade auch in schwierigen Zeiten können sie Trost spenden. Selbstfürsorge. Ein kleines Versprechen an sich selbst, dass das Leben weitergeht. Das habe ich vor vielen Jahren von meiner mütterlichen Freundin Gitta gelernt. Sie erkrankte plötzlich an ALS und starb nur sechs Monate später. Fast nichts konnte sie mehr. Aber zum Friseur fuhr sie. Mit letzter Kraft. Damals verstanden ihr Sohn – mein bester Freund – und ich überhaupt nicht, warum ihr das so wichtig war und wieso sie ausgerechnet das noch konnte. Sie schaffte es kaum noch aus dem Bett. Schwach wie eine Feder stieg sie in ihren Volvo und fuhr von Pankow nach Wedding zu ihrem Friseur. Heute glaube ich, ich weiß es.
Diesen Text schrieb ich 2012 für das Sammelwerk „Das Buch vom Abschied: Prominente Persönlichkeiten über Sterben, Tod und Trauer“ (Hrsg. Eduard Maas, Knaur Verlag).


Nun kommt der letzte Schliff: das Styling. Ich bitte meinen Friseur, heute weniger zu machen. Keine Rundbürsten. Einfach nur ein paar Wellen. Letztes Mal fühlte ich mich beim Blick in den Spiegel ein bisschen wie Julia Klöckner. Max kuckt kurz enttäuscht. Wahrscheinlich hatte er sich schon darauf gefreut, sich an mir auszutoben.
Ohnehin findet er, dass ich zu wenig aus meinen Haaren mache. „Du könntest viel mehr Looks anbieten!“
In Sekundenschnelle dreht er mir die Haare seitlich ein, steckt sie mit einer Nadel zusammen und ich sehe aus wie in einem Film, der im Jahr 1880 spielt.
„Schau mal, wie einfach das geht!“ Hahaha, ja klar.
Nadel raus. Haare mittig nach oben gezwirbelt. Nadel rein. Deckhaar lässig herausgezupft. Zack. Jetzt bin ich Agentin im Jahr 2050.
„Sooo einfach!“ sagt Max. Für ihn vielleicht. Auch das liebe ich am Friseurbesuch.
Magische Hände, die mit wenigen Griffen Schönheit zaubern. Und denke wieder an Gitta.
Da, wo du jetzt bist, kannst du vielleicht so oft zum Friseur gehen, wie du willst. Oder muss man im Himmel keine Haaransätze mehr nachfärben?
In Liebe, deine Saski.
Den abgebildeten Beitrag in diesem Buch von Dir muss ich mal in Ruhe lesen, noch nicht dazu gekommen.
Aber dass Du Julia Klöckners Frisur als Vergleich heranziehst, der Dir nicht zum Vorteil gereicht, überrascht mich. Ich finde Julia Klöckner ist eine der bestaussehendsten Politikerinnen ever. Habe sie noch nie mit unattraktiver Frisur gesehen. Auch immer geschmackssicher gekleidet. Also ich kann schon verstehen, dass Jörg Pilawa auf sie abfährt! Der ist aber auch nur 6 Tage jünger als ich, am 7. September 65 geboren, daher vielleicht daher ähnlicher Geschmack!
Ach herrlich, heute ist wieder Kolumnenmittwoch.
Witzig, „der Appel fällt nicht weit vom Baum“. Mir geht es mit Friseurbesuchen wie dir, Saski. Ich bin immernoch auf der Suche nach den magischen Händen. Meine letzten Friseurinnen konnten alle gut färben, aber nicht schneiden. Früher, mit meinen langen Haaren, spielte das Schneiden keine Rolle, aber jetzt schon. Ich bin zwar eine leidenschaftliche Omi, aber deshalb muss ich ja nicht gleich so aussehen, denke ich mir.
Und was die Friseursalonnamen anbetrifft, haben wir auch den gleichen Faible. Wenn ich als Beifahrerin durch Berlin fahre, studiere ich immer die Namen der Friseursalons: „Haarscharf“, „Hairzlich“, in BRB war ich mal in einem „Hairreinspaziert“ …
An Gitta denke ich auch oft- immer, wenn es darum geht: Was ziehe ich heute an? Als Gitta das einzige Mal bei uns zu Besuch war, um uns gegenseitig kennenzulernen, war es so, als würden wir uns schon immer kennen. Und ich lernte von ihr einen Tipp kennen, den sie bei einem Interview eines Malers von selbigen bekommen hat. Diesen gebe ich jetzt einfach mal weiter, weil ich diesen seitdem immer befolge. Trage immer drei Farben bei deiner Kleidung: Zwei, die zueinander passen und eine Kontrastfarbe. Das ist immer mein letzter prüfender Blick in den Spiegel.
Und der Tag ihres Todes wird mir auch immer in meinem Gedächtnis bleiben, als wäre ich anwesend gewesen. Du erzähltest uns, dass Dich Gittas Lebensgefährte verzweifelt angerufen hat, weil er in diesen Minuten Beistand brauchte. Du kamst aber nicht sofort von Deiner Arbeit weg und riefst deshalb Deinen Schwager S., der in der gleichen Straße wohnte an, ob er nicht schnell zu V. gehen könne, um ihm beizustehen und ihn zu trösten. S. machte sich mit seinem neugeborenen Sohn sofort auf den Weg. Er konnte den Kleinen ja nicht alleine zu Hause zurücklassen. Ich werde diese Anteilnahme mein ganzes Leben S. hoch anrechnen. Das war überhaupt nicht selbstverständlich. Und als du dann eintrafst, erschien dir der Anblick der vier Personen als etwas ganz Besonderes: Der Tod und ganz dicht daneben das neue menschliche Leben. Was für eine emotionale Situation. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich an dieses, unseres Telefonat denke. Aber auch das ist ein Wunder der Natur: Einer geht, der Andere kommt.
Was für ein wunderschöner Text, die gesamte Bewunderung für diese Frau ist so spürbar. Sehr schön, sehr sensibel geschrieben. Ich liebe deine Texte, Saskia. Ich freue mich jedesmal so sehr auf die Mitteschnitte. Immer etwas Neues, eine andere Sicht aufs Leben und diesmal etwas Alltägliches mit etwas so Tiefem zu verbinden, absolut top.
Ich wusste übrigens nicht, dass du Ansätze färbst, das sieht bei dir immer so natürlich aus. Bravo an Max.