Nachricht von einer fremden Mobilnummer auf meiner Mailbox. Die brüchige Stimme einer Oma mit einem Dialekt, den ich im baden-württembergischen Raum verorte:
„Ja hallo, ich war heute Morgen bei Ihnen. Hab das Kleid geholt mit den drei Schlaufen. Ich wollt jetzt fragen, weil es kommt mir noch so locker vor, ob Sie die drei Knöpfe AUCH enger genäht haben. Wenn net, müsst ich‘s Ihnen am Montag noch mal oder am Dienstag vorbeibringen. Könnten Sie mir gerad kurz zurückrufen? Vielen Dank, Tschü-üss!“
Oh, denke ich, die Oma hat sich verwählt und glaubt, sie hat auf den AB ihrer Schneiderin gesprochen. Ich rufe umgehend zurück und kläre sie freundlich darüber auf, dass ich eine Privatperson in Berlin bin. Sie bedankt sich herzlich, wir lachen beide und ich wünsche ihr viel Erfolg mit ihrem Kleid.
Ich mag ja süddeutsche Dialekte, vor allem bei Omas. Das erinnert mich daran, wie ich als 15-jährige mal ein paar Monate in einem Krankenhaus auf der Schwäbischen Alb verbracht habe. Meine Zimmernachbarinnen waren fast ausnahmslos Omas, und ich brauchte damals ein paar Wochen, um sie aufgrund ihres starken Dialekts überhaupt zu verstehen. Durch sie lernte ich „Rosamunde Pilcher“-Filme kennen. Eine Oma hieß Frau Nägele. Ihr lieber Mann brachte mir auch immer Blumen mit und nannte mich „Fräulein Saskia“. Mit den Nägeles habe ich auch nach meiner Krankenhaus-Zeit noch eine ganze Weile Postkarten geschrieben.
Ein paar Wochen später sehe ich abends wieder eine Nachricht auf meiner Mailbox. Wieder eine weibliche Stimme mit süddeutschem Einschlag, diesmal im mittleren Alter:
„Schmiedl (Name geändert). Hallo, guten Morgen! Ich wollt fragen, ich hab ne kurze Herrenjeans, da ist unter der Gürtelschlaufe ein kleines Loch, und die bräuchten wir nächste Woche Samstag für den Urlaub. Wär’s möglich, wenn ich Ihnen die heute bringe, dass ich die bis spätestens nächste Woche Freitag dann wieder holen könnte? Wenn Sie mir da gerad mal kurz ne Info geben würden unter der Nummer … Dankeschön, Tschü-üss!“
Ach herrje, und noch eine Nachricht von derselben Anruferin, vom späten Nachmittag:
„Schmiedl (Name geändert). Ich hab heute Morgen schon mal angerufen und es ist relativ dringend – wir wollen in den Urlaub und ich hab ne Herrenjeans, ne kurze, wo an der Gürtelschnalle unten drunter ein kleines Loch ist, und das müsste genäht werden bis nächste Woche Freitag. Wenn Sie mir doch bitte NUR kurz Bescheid geben, ob das klappen könnte oder nicht. Dankeschön und auf Wiederhören.“
Ich rufe die Dame also umgehend zurück und kläre sie freundlich darüber auf, dass ich eine Privatperson in Berlin bin. Und erfahre, dass der Zielkontakt eine Schneiderei im Rhein-Neckar-Kreis nahe der Bergstraße ist. Ich erzähle der Dame, dass das mir neulich schon mal passiert sei und dass wir bestimmt sehr ähnliche Nummern haben. Sie liest mir die Handynummer der Schneiderei vor: exakt meine. Das kann natürlich nicht sein. Da hat sie sich vielleicht einen Zahlendreher notiert.
„Des kann ja mol passiere“ antwortet sie, wir lachen beide und sie sagt, dass sie dann gleich mal bei der Schneiderei vorbeifahren werde.
Ein paar Wochen später wieder eine Nachricht auf meiner Mailbox von einer fremden Nummer:
„Hallo Lena Krug (Name geändert) hier. Ich hab mir ein Brautkleid gekauft, und das müsste noch gekürzt werden, und der Brustbereich müsste angepasst werden. Meine Hochzeit ist am 26. August und ich wollte fragen, ob Sie Zeit hätten, das zu machen und mir da einen Termin anbieten könnten. Meine Nummer ist die … Das wär super, wenn Sie mich zurückrufen könnten. Danke! Tschü-üss!“
Oh Gott, ich muss die Braut sofort zurückrufen. Ihr Brautkleid muss doch rechtzeitig fertig werden!
Ich rufe sie an und erkläre ihr freundlich, dass ich eine Privatperson in Berlin bin. Ich erfahre: Die Mobilnummer der Schneiderin ist die meine. Wie kann das sein?
Ich google und tatsächlich: Auf der Website der Gemeinde ist als Kontakt für die Schneiderei meine Handynummer angegeben. Keine Festnetznummer, keine Mailadresse. Ich kann die Schneiderin also nicht kontaktieren – sonst müsste ich mich ja selbst anrufen.
Die Braut bedankt sich herzlich, dass ich sie zurückgerufen habe und verspricht, die Schneiderin zu informieren.
Ein paar Tage später: Mailboxnachricht von einer Festnetznummer. Mein Handy zeigt mir den Namen einer baden-württembergischen Gemeinde an. Wahrscheinlich das Nachbardorf.
Männliche Stimme: „Berger (Name geändert) von der Gemeinde, vom Tiefbauamt. Hallo, Frau R. Ich wollte nochmal Bescheid sagen, dass die Baustelle in Ihrer Straße jetzt weiter geht, und ab Ende nächster Woche wird der Leitungsgraben von der Hauptleitung vor Ihrem Haus aufgemacht. Die Zufahrt zu Ihrem Anwesen bleibt weiterhin gewährleistet. Bis zum Vollausbau ab Mitte September. Bei Fragen können Sie mich gerne nochmal zurückrufen. Tschüss!“
Ist ja nett, dass die Gemeinde die Dame anruft und informiert. Ich stelle mir das in meinem Fall vor. Also wenn das Bezirksamt Berlin-Mitte mich anrufen würde. Denn auch die Straße vor meinem Haus wird derzeit aufgerissen. Allerdings ist die Zufahrt zu meinem Anwesen gesperrt.
Ich sitze in der lauten S-Bahn, als ich die Nachricht des Tiefbauamt-Herrn aus der mehr als 600 Kilometer entfernten Gemeinde abhöre. Ich rufe ihn umgehend zurück und erkläre ihm freundlich, dass ich eine Privatperson in Berlin bin. Und dass die Handynummer der Schneiderin falsch angegeben ist. Er bedankt sich und ruft plötzlich aufgeregt: „Ah, ich höre die Berliner S-Bahn!“ Gerade wurde Station „Ostbahnhof“ ausgerufen. Ich bejahe lachend. Wir lachen beide herzlich und wünschen uns gegenseitig noch einen schönen Tag.
Ach, sind das nette Leute da unten!
Ein paar Tage später, früh am Morgen. Eine fremde Festnetznummer aus Mannheim. Ich bin nicht schnell genug, meine Mailbox ist schon angesprungen.
Nachricht von einem Rentner-Ehepaar.
Sie, direkt rein, ohne Begrüßung: „Wann können wir Sie mal anrufen?“
Er, etwas aufgebracht: „Guten Tag!“
Sie, leicht vorwurfsvoll: „Die ist nicht drannn, Eduard!“ Abbruch der Verbindung.
Zwei Minuten später klingelt dieselbe Nummer. Ich gehe sofort ran. Die Rentnerin meldet sich. Ich erkläre ihr freundlich, dass ich eine Privatperson in Berlin bin. Dass die Gemeinde beziehungsweise die Schneiderei eine falsche Handynummer – nämlich meine – veröffentlicht hat. Bei dem Wort „Berlin“ japst die Dame freudig.
Sie: „Unser Sohn hat mal in Berlin gewohnt! Viele Jahre! Im Prenzlauer Berg!“
Ich: „Ach wie schön! Na, das ist ja ein Ding! Ich wohne ganz in der Nähe vom Prenzlauer Berg, aber in Mitte.“
Sie: „Das ist ja toll! Wir haben ihn immer sehr gerne besucht! Jetzt wohnt er aber im Allgäu.“ Ich: „Das hat er richtig gemacht!“
Wir plauschen noch ein bisschen über Berlin und sie erzählt mir, was ihr hier alles so gefallen hat. Lustig – in meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist es zur Zeit üblich, sich über Berlin so richtig auszukotzen. Dreckiges Moloch, Aggro-Verkehr, marode Zustände, Baustellen und Lärm. Ganz erfrischend, dass meine neuen Telefonkontakte aus dem Rhein-Neckar-Kreis so ein positives Bild von der Hauptstadt haben.
Irgendjemand von ihnen muss die Schneiderin schließlich informiert haben, denn mittlerweile kann man online ihre Festnetznummer finden. Nur im Gemeindeblatt und auf der Website der Gemeinde steht noch meine Handynummer.
Ich habe es bisher nicht geschafft, die Gemeinde darauf hinzuweisen. Liegt es wirklich daran? Oder genieße ich insgeheim einfach meine neue Nebenbeschäftigung als Berliner Außenstelle einer Schneiderei im Rhein-Neckar-Kreis? Die Small Talks mit den freundlichen Menschen aus dem Süden?
Und kläre die Verwechslung deshalb nicht vollends auf? Fortsetzung folgt.
Des kann ja mol passiere
😁
(nun Wimperntusche verschmiert, hab so gelacht!!!)
Aber die Schneiderin sollte die Geschichte auch mal lesen, wenn Sie eine Website hat, gibts doch auch einen Mail-Kontakt.
Vielleicht macht passt sie Dir als Entschädigung für die Umstände auch mal ein Brautkleid oder einen Hosenbund an!